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Rituale, Rhythmus, Reset-Knopf: alles Gute zum neuen Jahr

Wo ist im Kreis eigentlich der Anfang?

Uwe tanzt. Nicht so wie andere tanzen würden, aber er tanzt. Irgendwie. Anders halt, aber auf eine besondere Art auch spannend. Derweil sitzen andere am Tresen, dort, wo Uwe sonst eigentlich immer sitzt. An diesem Tag ist sowieso alles ein bisschen anders als sonst, aber irgendwie ist das auch egal. Denn wie üblich hat dennoch alles seine gewohnte Unordnung.

veröffentlicht am 05.01.2019 um 09:00 Uhr

Illustration: cn
Thomas Thimm

Autor

Thomas Thimm Stv. Chefredakteur zur Autorenseite

Auf dem geleakten – Tschuldigung, zu viele Tagesnachrichten im Kopf – gelackten Holztresen stehen die Gläser nur so umeinander, volle, halb volle, fast leere, ganz leere, und durch die gläsernen Schluchten ziehen bläulich-weiße Schwaden, jetzt in jedem Fall nikotinschwanger, morgen früh wieder in den Klamotten stinkend. Alles halb so wild.

„Hey, lass mich ma‘ wieder an meinen Platz“, murrt Uwe, als er vom Llambi-Parkett wieder an den Tresen zurückkommt. Der andere Typ weiß, was sich gehört, steht wortlos auf, klemmt sich ein Glas zwischen Daumen und Zeigefinger, verkneift Augen und Mund und schüttelt den Kopf auf diese eine gewisse Art nur so leicht, dass man es ihm nicht wirklich übelnehmen kann, aber dennoch bitteschön bemerken soll, dass der gegenüber auch ohne zu sprechen murrt … Und da Uwe nicht doof ist und ein Polter-Diplom hat, geht‘s auch gleich los: „Hör‘ ma‘ “, pfeift es auch ihm heraus, „dat is‘ mein Platz, dat war so, dat is‘ so und dat wird so bleiben. Wo komm‘ wa denn da hin, wenn hier jeder plötzlich macht, wat er will?“ „Aber“, versucht der andere, einen Satz an den Start zu kriegen … „Nix aba. Nur weil wa ein neues Jahr ham, machen wa doch nich‘ alles anders. Prost auf 2019!“

Nee, Uwe. Das kann man so nicht sagen. Für den einen bleibt alles beim alten, für den anderen ist ein Jahresbeginn irgendwie auch ein echter Neustart. Ja, die Sache mit den ewigen Kreisläufen ist ja so eine Sache. Kaum sind die Feiertage gelaufen, haben die meisten an Weihnachten so richtig reingehauen und ein paar Pfunde Speck mehr, haben es an Silvester mal so richtig krachen lassen und in kein Glas hineingespuckt, da drücken viele am Jahresanfang den Reset-Knopf – und dann soll alles anders werden. Vernünftiger. Gesünder. Weniger von dem einen. Mehr von dem anderen. Weniger Essen, weniger Alkohol, keine Zigaretten. Dafür mehr Sport und mehr Ruhe. Das Übliche halt. Jetzt im Januar rennen zum Beispiel alle wieder ins Fitnessstudio, wollen abnehmen, sich gesünder ernähren, und so weiter. Sicher ist: Im Februar lässt dieser Kurzfristwahnsinn wieder nach, da wird es für Fitness-Dauerbrenner wie Manni, Achim und Horst wieder entspannter im Studio. Auch derartige Phänomene gehören zum jährlichen Rhythmus, zu den Ritualen eines Jahres, zu den ewigen Kreisläufen, denen wir uns fast alle so gerne hingeben.

„Nö“, stellt Uwe für sich fest, „dat is‘ alles nix für mich. Ich bleib‘ so wie ich war und bin und damit isses dann auch gut.“ „Nun ja“, entgegne ich, „für viele ist das aber eine gute Gelegenheit, nicht allein in diesen einen alten Trott zu verfallen und sich immer mal wieder auch neu auszuprobieren. Und ein bisschen Sport hat ja noch keinem geschadet. Das gilt übrigens auch für Dich.“ Ach du je, da hatte ich ja was gesagt … Nach dem Reste-Nippen am Bierglas, einem ausgiebigen Herumwurschteln an seiner Kippe und zwei hastigen Zügen bekam ich „Red‘ nich‘ so‘n Quatsch und bestell‘ lieber ma‘ Bier“ um die Ohren gehauen. „Und übrigens“, fängt Uwe an zu philosophieren, „es is‘ doch alles ein Kreislauf, alles läuft immer im Kreis, der Kalender, die Uhr, dat is‘ doch auch gut so. Und dann kann ich doch auch im Kreis laufen, da muss ich doch überhaupt nix anders machen. Dann läuft alles so schön gleichmäßig und alles kommt auch regelmäßig immer wieder, da is‘ doch sogar schon ganz schön viel Abwechslung drinne.“

Und dann fragt Uwe: „Wenn man in deinem ewigen Kreislauf was ändern soll – dann sag‘ mir doch mal, wo ist denn im Kreis der Anfang?“

Ach du je.

Ich kenne da jemanden, der studiert Mathematik und noch ein paar solcher Sachen. Den habe ich sicherheitshalber gefragt. Hat der Kreis einen Anfang? Klare, kurze Antwort des Mathematikers: „Nein.“

Okay. Habe verstanden.



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