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Warum Empfindlichkeiten ein Motor des Fortschritts sind

Wir Sensibelchen

Mal eine ganz persönliche Frage an Sie, liebe Leserin, lieber Leser: Wann waren Sie das letzte Mal so richtig auf der Palme? Bei mir war es am vergangenen Dienstag wieder soweit, und eigentlich war ich selber schuld. Ich hätte die Facebook-Kommentare unter einem Artikel zur Frage „Darf man Frauen hinterherpfeifen?“ ja nicht lesen müssen. Habe ich aber – und mich dabei so aufgeregt, dass ich anschließend Migräne bekam.

veröffentlicht am 26.09.2020 um 07:00 Uhr

Juni

Autor

Verlegerin / Chefredakteurin zur Autorenseite

Ich muss gestehen: Bei diesem Thema bin ich, laut fachmännischer Einschätzung mehrerer Mitdiskutanten, ein Sensibelchen. Jemand, der sich über Kleinigkeiten echauffiert und Mücken zu Brontosauriern mutieren lässt.

Was eine Kleinigkeit ist und was nicht, entscheiden dabei natürlich die anderen. Und von denen wiederum vor allem diejenigen, denen der zu Debatte stehende Sachverhalt entweder egal sein kann oder deren Interessen anders gelagert sind. Ich zum Beispiel halte Männer für Sensibelchen, die kein Jahr ohne Fußball-EM überstehen. Auch Menschen, die sich im Biergarten vom Rauch einer Zigarette am Nebentisch gestört fühlen, finde ich ein bisschen empfindlich.

Ich weiß nicht, ob Sie meinen Eindruck teilen. Aber gefühlt würde ich sagen: Die Zahl der Sensibelchen steigt stetig. Ein Hauch von Teppichkleber in der Raumluft, der Radfahrer auf dem Gehweg oder ein fehlendes Gendersternchen können reichen, um Menschen an den Rand des Nervenzusammenbruchs zu bringen. Aber damit nicht genug. Mit bloßem Gejammer geben sich die Gequälten nicht mehr zufrieden. Sie verlangen Abhilfe. Ich zum Beispiel hätte nichts dagegen, wenn öffentliches Hinterherpfeifen wenigstens als Ordnungswidrigkeit geahndet würde.

Falls Sie darüber lachen, lieber Mitlesende, lassen Sie sich eins gesagt sein: Ich lache ebenfalls. Zum Beispiel über Leute, die die Grüne Welle in der Innenstadt fordern, weil sie keine fünf Minuten Wartezeit an der Ampel ertragen. Ich rolle auch hingebungsvoll mit den Augen, wenn meine vegane Tochter mal wieder das Grillgut auf dem Rost umsortiert, um ihren Sojabratling vor fleischlichen Kontakten zu bewahren.

Wie kann man bloß so empfindlich sein? Gibt es nichts Wichtigeres? Haben wir keine anderen Probleme? Doch, die haben wir. Und natürlich sind unsere Probleme viel größer und bedeutsamer als ein Tropfen Bratensaft auf dem Tofu. So groß und bedeutsam, dass wir sie bis ins kleinste Detail analysiert und dabei erkannt haben, dass jedes große Problem im Kleinen beginnt und sich – Obacht! – auch darin widerspiegelt. Wir alle kämpfen ja (zumindest im Geiste) täglich unsere ganz unterschiedlichen, großen Kämpfe, gegen Sexismus, verfehlte Verkehrspolitik, mittelmäßige Literatur, Tierleid oder auch nur gegen unsere eigene Einsamkeit. Im Großen und Ganzen hat jeder von uns auf seinem Gebiet schon viel erreicht. Doch störende Details lassen an mancher Stelle nicht nur noch VIEL zu wünschen übrig; sie erinnern uns vielmehr auch immer wieder daran, dass Rückschritte oder Veränderungen zum Schlechten jederzeit möglich sind.

Das auf dem Radweg abgestellte SUV wird da schnell zum Symbol einer immer noch übermächtigen Automobilindustrie und die kleine Rauchwolke, die vom Nachbartisch herüberweht, als sicheres Anzeichen von tiefsitzender Ignoranz und Rücksichtslosigkeit interpretiert. Für einen Menschen im Kampfmodus existiert auf seinem persönlichen Schlachtfeld kein „Es ist doch nur…“. Er denkt im größeren Kontext und kann auf einen „nettgemeinten“ Pfiff genauso wütend reagieren wie auf die neueste Untersuchung zum Gender-Pay-Gap.

Ja natürlich: Die weniger tief involvierten Mitmenschen nervt so etwas manchmal ganz gewaltig. Aber letzten Endes werden doch die allermeisten großen Ziele nur in kleinen Schritten und mit viel Detailarbeit erreicht. Ohne Sensibelchen, die durch ständige Nadelstiche auch den Rest der Welt für ihre Themen sensibilisieren, würden viele Entwicklungen ins Stocken geraten.

Ich für meinen Teil habe mir deshalb fest vorgenommen, den vermeintlichen Empfindlichkeiten meiner Mitmenschen zukünftig denselben Respekt entgegenzubringen, den ich für meine eigenen erwarte. Könnte ja sein, dass etwas sehr viel Größeres dahintersteckt, das zu erkennen ich schlicht zu unsensibel bin.



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