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Warum man jeden einfach mal machen lassen sollte – und trotzdem nicht verzweifeln muss

Werden denn alle ver-rückt?

Warum gehst Du denn überhaupt in diese verräucherte Kneipe, das ist doch voll ungesund“, werde ich von der Seite angeraunzt. Da könne man sich doch viel schöner dort treffen, wo die Luft besser sei und die Klamotten hinterher nicht nach Raucherqualm riechen, wo es irgendwie gemütlicher und loungiger sei, und überhaupt, seien Zigaretten doch ungesund … Da sind sie wieder, meine drei Probleme: Maßregelung, Bevormundung, Zurechtweisung. Wie ich das hasse!

veröffentlicht am 27.10.2018 um 10:30 Uhr

Illustration: cn
Thomas Thimm

Autor

Thomas Thimm Stv. Chefredakteur zur Autorenseite

„Nein, ich will es nicht loungig. Ich will es ursprünglich. Und ich will ein Bier trinken und keinen Latte Macchiato. Und wenn ich Bier trinke, dann will ich auch rauchen. Das Leben kann so einfach sein: Geh’ Du doch in Deine Weichei-Lounge, und lass’ mich doch einfach machen, was ich will …“

Stunden später. „Machste noch ma’ zwei“, krakeelt Uwe über den mit Bootslack glasierten Tresen. Der Uwe versteht mich. Der will auch Bier trinken. Und rauchen. Chichi wäre eben einfach nix für ihn. Unter den tief hängenden Lampen wabern leicht bläulich schimmernde Wölkchen durch die Gläserschluchten hindurch. „Jetzt is’ auch schon wieder Herbst“, wird Uwe ebenso profan wie melancholisch, „ganz schön kalt morgens, und der Wind pfeift einem um die Ohren, man oh man, jetzt wissen wa erstma’, wie klasse der Sommer war, dat sach ich Dir aba …“

„Bitteschön, zwei Bier.“

„Danke.“

„Und Prost. Auf Robert Pfaller. Der hat nämlich wirklich Recht.“ Dat Uwe guckt mich an, als ob der Mond geplatzt wäre und ich mitsamt irgendeinem geheimnisvollen Mist vom Himmel auf den Tresenstuhl gefallen wäre. „Wer oder wat zum Teufel ist dieser Robert Papperlapapp oder wie der heißt …?“ fragt Uwe. „Robert Papperlapapp heißt Robert Pfaller, kommt aus Wien, ist ein Philosoph und hat geschrieben, dass nur ein Leben, das Platz zum Genießen lässt, und in dem nicht ständig alles Anstößige verboten wird, ein lebenswertes Leben ist. Mit anderen Worten: Wir sollen unser Leben leben, wie es uns gefällt. Und heute sollen wir rauchen und trinken, wenn wir es denn wollen. So ein Kulturtheoretiker drückt sich halt nur anders aus.“

Aus dem zotteligen Uwe prustet es heraus, wie nur er das kann: „Kulturtheoretiker? Ha’, das ich nich’ lache. Wat soll dat denn schon wieder? Die soll’n ma’ uns fragen, wie dat Leben richtig funktioniert. Ich kann denen dat auch sagen, dat sach ich Dir.“ Nun wissen wir ja, dass jeder sich am besten sein eigenes Leben erklären kann. Weil er es ja nun mal in- und auswendig kennt, seine Erklärungsmuster für ihn selbst natürlicherweise die logischsten sind, sonst wären es ja nicht seine. Aber in der Tat ist es ja oftmals so, dass die Außenwelt von Dir ein bestimmtes Verhalten erwartet, und meistens denken die dann auch noch, dass sie das auch erwarten dürften. Nun, ich bevorzuge es, dass jeder selbst denkt, im besten Falle nachdenkt, und für sich entscheidet, was er möchte, was er will, was er macht – und was eben nicht. Wir müssen nicht anderer Leute Norm erfüllen, die Erwartungen von Zuschauern befriedigen – sondern bitteschön immer nur die eigenen. Sicher, die eigene Freiheit endet dort, wo die des Nachbarn beginnt. Aber im Rahmen dieser Grenzen darf ich bitte machen, was ich möchte.

Zugegeben, es ist ein teils schmerzlicher Prozess, wenn man feststellt, dass die eigenen Kinder sich auf genau diesem Wege emanzipieren, losreißen, auf den Weg in das eigene Leben machen. Aber es macht auch stolz, dass ihnen genau dieses gelingt. Und so gilt es bitte für Jedermann. Also, liebe Welt da draußen, schaffen wir die Bevormundung ab, die Maßregelung ab, die Zurechtweisung ab.

„Ja, Du kannst immer alles erklären, ich weiß. Und ja, es soll ein stürmischer Herbst werden“, antworte ich Uwe. „Kalt, windig, teils frostig. Aber wenn wir es recht bedenken, dann sind die frostigen Zeiten doch schon lange angebrochen.“

„Wie meinste dat denn?“ „Na, guck mal, wo geht es denn noch normal zu? Die Saudis bringen einen Journalisten um und tun anschließend so, als ob die Welt schon lange darauf gewartet hätte, obendrein auch noch verscheißert zu werden. Der Irre im Weißen Haus kündigt mal eben den Abrüstungsvertrag mit den Russen auf, und der Kollege im Kreml freut sich schon auf das nächste Atomwettrüsten. In Amerika schickt ein Verrückter zig Bomben durchs Land und der Trump hat keine blödere Erklärung gefunden, als dass angeblich die Medien schuld seien. In Europa gibt es immer mehr und mehr Rechtsnationalisten, Ausländerfeinde und Rassisten, die offen Nazi-Jargon benutzen und heroisch von Hitler sprechen, ohne dass man denen das Maul stopfen würde. Das ist doch alles nicht mehr normal …“

„Nee, dat is’ nich’ nich’ normal – dat ist völlig bekloppt“, regt sich Uwe auf. „Da kannste auch verstehn, wenn manch eine Socke mit dem ganzen Krams nix mehr zu tun ham will.“ „Aber Wegducken hilft doch auch nicht!“ „Nee, nich’ wirklich, aber macht’s manchmal einfacher.“

„Apropos einfach: Machst Du uns nochmal zwei?“, frage ich über den Tresen und bekomme als Quittung ein stummes Nicken. Zeit zum Nachdenken. „Also, ich frage mich, was nun richtig ist. Auf der einen Seite soll man die Menschen nach ihrem Gusto machen lassen. Auf der anderen Seite liest, sieht und hört man von so viel Bösem, Unsinnigem und Dummem, dass einem schlecht werden kann. Aber gehört es nicht auch zur Freiheit des Menschen, Böses, Unsinniges und Dummes tun zu dürfen, wenn er eben genau das möchte?“

„Na, hör ma’“, sagt Uwe und holt mit weit aufgerissenen Augen zum Rundumschlag aus, „dat is’ doch nu’ Blödsinn, wat Du da sachst. Wenn ich trinke, rauche, meinetwegen kiffe, dann is’ dat doch wohl meine Sache, dann tut dat keinem anderen weh außer mir, dann is’ dat nu’ wirklich nur meine Sache. Wenn ich Dir aber Dein Bier austrinke und die Kippen klau’, dann geht das gegen Dich, und dann sollte ich die Finger davon lassen.“ „Jo, solltest Du …“ „Und so is’ dat auch mit dem killenden Wüstensohn und mit dem Goldlöckchen in Amiland und auch mit all den Rassisten: Wat die da machen, dürfen die nich’. Mensch, dat is’ doch wohl sonnenklar, und dann muss man denen dat auch sagen. Und wenn’se dat nich’ lassen, dann gibt’s mal wat aufs Maul …“

„Auge um Auge?“ „Und Zahn um Zahn.“ Ach du je. Das kann ja unheiter werden. „Das kann man doch so nicht sagen.“ „Doch“, sagt Uwe, „ich bin jetzt auch mal Kulturtheoretiker. Theoretisch kann man dat so sagen. Dat is’ eben meine Kultur.“ Prost.



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