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… dann haben wir uns bloß wieder zu spät gekümmert

Wenn’s mal wieder klemmt …

Wenn Du Dich auch immer auf den letzten Drücker kümmerst, dann klemmt’s halt. Meine liebe Gattin sagt mal wieder gar nichts. Sie grinst nur. Aber ich höre ganz genau, dass sie in diesem Moment genau diesen Satz denkt.

veröffentlicht am 05.09.2020 um 09:00 Uhr

Lars Lindhorst

Autor

Redaktionsleiter zur Autorenseite

Man kennt sich und versteht sich – und das schließt Häme schon seit Langem nicht mehr aus. Dabei hatte ich bloß in einer freien Minute schnell probiert, ob ich eine drängende Kleiderfrage mir nichts, dir nichts lösen kann. Klappt ja gewöhnlich auch. Nur dieses Mal ist es anders. Ich kann’s nicht, es klemmt.

In der Familie steht die Konfirmation an. Ein besonderes Fest, zu dem meine Stretch-Jeans nun wirklich nicht passt. Aber im Schrank hängt ja noch mein Konfirmationsanzug – nicht meiner von damals, sondern der, den ich im letzten Jahr schon beim Nachbarskind getragen habe. Sie ahnen was kommt? Natürlich!

Während ich bei der Anprobe des Sakkos noch großzügig zu mir selbst meine: „Ok, zuknöpfen brauchst du’s ja eh nicht“, ist bei der Hose der Ofen aus. Zwischen Knopf und Knopfloch fehlen so einige Zentimeter. Und selbst mit noch so viel Optimismus werde ich das nicht auf die Schnelle regeln können. Kein Gürtel der Welt kann so breit sein, dass sich diese Lücke an meinem Hosenbund schließen ließe.

„Hätt’ ich Dir gleich sagen können…“, meint sie – und ich schieb’s auf Corona. Die Zeit ohne Termine und Büro zuhause hat mir körperlich offensichtlich zugesetzt, sage ich. (Und um es klarzustellen: Corona hat nur physische Folgen für mich, mit meinem Verstand ist auch weiterhin alles in Ordnung, trotz Corona, glauben Sie mir.) Ich habe mich nur mal wieder etwas zu spät gekümmert.

Und da bin ich gewiss nicht der Einzige: In dieser Woche haben wir erlebt, wie es ist, wenn in besonderen Zeiten gemeint wird, es wird schon irgendwie werden, werden wie immer. Das betrifft die Passform meines Konfirmationsanzugs ebenso wie den Schulstart nach den Ferien.

Es gab an vielen Stellen Empörung und Verwunderung über den Schülertransport der Öffis. Volle Haltestellen nach Schulschluss, Gedränge im Bus, Unverständnis darüber, dass zu den Hauptzeiten nicht mehr Fahrzeuge eingesetzt werden. Haben die Öffis auch gedacht, dass der Anzug vom letzten Jahr noch immer passt? Derselbe Fahrplan wie im letzten Jahr jetzt, unter veränderten Bedingungen, anders geartete Probleme mir nichts, dir nichts beiseiteschafft?

Auch in den Hameln-Pyrmonter Schulen findet wieder der Regelunterricht statt. Ein Schritt zurück in die Normalität. Doch was ist, wenn irgendeine Schule wegen eines möglichen Corona-Falls schließen muss? Ist ja andernorts schon mehrfach passiert. Wird dann der Schalter umgelegt, mir nichts, dir nichts, wieder „Home-Schooling“ eingeführt? Haben denn alle, wirklich alle, Lehrer inzwischen eine E-Mail-Adresse? Einen Internetanschluss im Home-Classroom? Ohne frühzeitiges Kümmern kommt auch die digitale Arbeitswelt nicht aus. Und es ergeben sich noch mehr Fragen.

Sind inzwischen alle Probleme mit der Internetversorgung gelöst? Oder stehen die, die teilweise immer noch in ihren Home-Offices hocken, zwischendurch ohne Verbindung in die Welt da – so regelmäßig, wie von flächendeckenden Internetausfällen zu hören ist?

An diesen Punkten hört auch das hämische Grinsen meiner lieben Gattin auf. Erwartbar ist doch wohl, dass sich an solchen entscheidenden Stellen nicht erst auf den letzten Drücker gekümmert wird. Oder gar erst dann, wenn es eigentlich schon zu spät ist.

Was mein persönliches Kümmerer-Versagen und den Konfirmationsanzug betrifft, so ist die missliche Lage glücklicherweise noch umgehbar. Bis zur Konfirmation vergehen ja noch einige Tage.

Doch beim Gedanken daran, ob es bis dahin ein ganz neuer Anzug, vielleicht nur eine neue Hose oder ein gar völlig anderes Outfit werden könnte, habe ich den leisen Eindruck, dass es eine Entscheidung auf den letzten Drücker werden könnte. Eine, die erst feststeht, wenn schon die Kirchenglocken läuten. Der rettende Engel aber naht just in Gestalt meiner lieben Gattin. „Morgen fährst du los und kaufst Dir ’nen neuen Anzug!“ Das Problem ist gelöst – unter Androhung ehelicher Zwangsmaßnahmen. Druck auf den letzten Drücker. Das einzige Mittel, was hilft bei mir, wie sie diesmal ohne hämisches Grinsen beteuert. Und überhaupt, da fällt mir ein: Auf welchen Tag fällt dieses Jahr eigentlich der Heilige Abend? Zum Glück, es ist ein Donnerstag. Dann sind die Geschäfte ja auch am 24. Dezember geöffnet. Der Parfum-Gutschein ist gerettet. Auf den letzten Drücker, wie jedes Jahr, wie immer.



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