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Tabu-Thema Analphabetismus: Seit fast drei Jahren hilft das Regionale Grundbildungszentrum

Wenn Papa nicht lesen kann

Hameln. E-Mails, Bücher, Beipackzettel von Medikamenten: Den meisten Menschen erscheint es ganz selbstverständlich, lesen zu können. Doch es gibt nach wie vor Erwachsene, die nicht über diese grundlegende Fähigkeit verfügen. Analphabetismus ist ein Tabu-Thema – von dem in Niedersachsen nach Schätzungen etwa 750 000 Menschen betroffen sind. Seit Oktober 2013 gibt es bei der Ländlichen Erwachsenenbildung (LEB) in Hameln ein Regionales Grundbildungszentrum (RGZ) als Anlaufstelle.

veröffentlicht am 02.03.2016 um 06:00 Uhr

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Autor:

Andreas Timphaus

Noch bis Ende des Jahres läuft die Förderung durch das Land, das die niedersachsenweit acht Zentren jährlich mit 200 000 Euro unterstützt. Gespräche über eine Fortsetzung laufen aber. Ihre Aufgabe ist es, zielgruppengerechte Bildungsangebote für funktionale Analphabeten – also Menschen mit mangelnder Lese- und Schreibfähigkeit – zu entwickeln und ihnen eine Teilhabe am Leben zu ermöglichen.

„Bei uns laufen unterschiedliche Projekte. Unter anderem bieten wir immer montags einen Lese- und Schreibservice an“, sagt Koordinatorin Angelika Brandt. Die Anlaufstelle ist erst vor kurzem von der Bennigsenstraße an die Ruthenstraße unter das Dach der Paritätische Lebenshilfe Schaumburg-Weserbergland (PLSW) gezogen. Im November sei zum Beispiel das Projekt „Neustart“ angelaufen, welches Hilfestellung geben will. Dreimal in der Woche erhalten die bislang sieben Teilnehmer Unterricht, einmal im Monat gibt es einen Thementag, der sich verschiedenen Situationen des Alltags widmet. „Grundbildung heißt, dass man den Standard erreicht, um sich im täglichen Leben zurechtzufinden“, erklärt Brandt. Das RGZ kooperiert zu diesem Zweck mit verschiedenen Einrichtungen wie dem Frauenhaus, der Jugend- und Drogenberatung (Drobs), dem Betreuungsverein, dem Netzwerk Nordstadt sowie dem Sozialdienst katholischer Frauen. Eine Zusammenarbeit mit der Tafel sei im Gespräch, sagt sie.

Kooperationen sind laut Brandt notwendig, denn eine Schwierigkeit für das Grundbildungszentrum ist es, Teilnehmer für die Angebote zu gewinnen. „Analphabetismus ist in unserer Gesellschaft immer noch stigmatisiert. Wenn jemand Mathe nicht gut kann, ist das völlig okay. Aber wer Probleme beim Schreiben hat, wird schnell ausgegrenzt“, sagt die Koordinatorin. Viele funktionale Analphabeten trauen sich aus Scham nicht, sich an das Zentrum zu wenden. „Es ist nicht so, dass das Problem nur Arbeitslose betrifft. Einige arbeiten auch und haben Angst, dass jemand aus ihrem beruflichen Umfeld von dem Problem erfährt“, sagt Brandt.

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Eine weitere, wenngleich naheliegende Hürde: Die Analphabeten kennen das RGZ nicht, weil sie die Werbeflyer und Informationsbroschüren nicht lesen können. „Oft sind es Familienangehörige oder enge Bekannte, über die sie von unseren Angeboten erfahren“, meint Brandt. In den Jobcentern der Agentur für Arbeit wurden zudem Schulungen durchgeführt, um die Mitarbeiter zu sensibilisieren und ihnen Kompetenzen zu vermitteln, um funktionalen Analphabetismus zu erkennen.

Ein Schwerpunkt der Arbeit liegt in der Betreuung von Gefangenen in der Jugendanstalt. Dort gibt es ein Projekt, in dem Jugendliche mit Lese- und Schreibschwierigkeiten, die eine Ausbildung machen, Anleitung erhalten, wie sie Texte besser verstehen können. Die Teilnehmer werden laut Brandt in Kleingruppen betreut. Auch Lernpartner werden bei der RGZ angeboten. Dabei handelt es sich um Menschen, die sich ein- bis zweimal in der Woche mit Analphabeten treffen, um sie im Alltag zu unterstützen. „Wir haben derzeit etwa zehn bis zwölf solcher Lernpartner“, berichtet Brandt.

In Niedersachsen sind nach Schätzungen etwa 750 000 Menschen funktionale Analphabeten.

Foto: dpa



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