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Was ist dran am übersteigerten Ehrgeiz von „Helikopter-Eltern“?

Wenn Mama zu viel verlangt

Landkreis. „Helikoptereltern – Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung“ ist der Titel eines Buchs von Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Darin kritisiert Kraus ein Eltern-Bild, das er immer öfter erlebt: Eltern, die ein anwaltliches Schreiben an die Schule verfassen, weil ihr Sohn nur eine Drei bekommen hat oder die Klage, warum die Tochter in die Klasse 7b kommt und nicht in die 7d, wo die Freundin ist.

veröffentlicht am 24.09.2013 um 19:02 Uhr

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Autor:

von martina koch

Sogenannte Helikopter-Eltern kreisen über ihren Kindern in allen Lebenslagen, wollen Schule, Freizeit und mitunter auch die spätere Karriere ihres Nachwuchses kontrollieren. Helikopter-Eltern schonen, behüten und unterstützen ihre Kinder im Übermaß: ein Erziehungsstil zwischen übertriebener Förderung und nachgiebiger Verwöhnung.

„Diese Form extremer Fürsorge tritt bei uns bereits in der zweiten Klasse auf“, sagt Hildegard Focke, Stellvertreterin des kommissarischen Schulleiters an der Grundschule im Petzer Feld in Bückeburg. Es gibt Schüler, die von ihren Eltern bis in den Klassenraum begleitet werden. Dabei kommt es öfters vor, dass die Eltern sogar den Ranzen des Kindes tragen, oftmals mit dem Argument, dass er für ihren zierlichen Sohn oder ihre zierliche Tochter viel zu schwer sei, sagt Focke. „Da wir in diesen Fällen aber ansonsten nicht den Eindruck haben, dass die Kinder von übertriebener Fürsorge erdrückt werden, nehmen wir von der Situation Abstand“, macht Focke deutlich.

Problematischer hingegen sieht das Kollegium die Eltern, die ihre Kinder nicht mal ihre eigenen Streitigkeiten mit Klassenkameraden klären lassen. Es ist ihnen von Seite der Eltern aus untersagt, sich selber um diese Probleme zu kümmern. Stattdessen kommen die Eltern in die Schule, um den Streit zu klären, sagt Focke. „Wir müssen ihnen dann jedoch sagen, dass jeder Konflikt unter den Kindern, der in der Schule entsteht, von der Schule geklärt wird“, betont Focke. Was auf dem Schulweg passiert, liegt nach Worten von Focke bei den Eltern.

Helmut Quander, Rektor der Grundschule Nienstädt, ist derselben Ansicht: „Eltern geben ihre Aufsichtspflicht mit dem Absetzen des Kindes auf dem Schulgelände an die Pädagogen ab.“ Streitigkeiten unter Schülern werden in der Schule ohne die Eltern gelöst. „Wenn erforderlich, greifen die Lehrkräfte mithilfe der Schulleitung ein“, sagt Quander. Nur so kann die Selbstständigkeit der Schüler ausgebaut und gestärkt werden. Überfürsorglichen Eltern begegnet Quander nach eigenen Angaben in der Grundschule Nienstädt jedoch eher selten.

Josef Kraus schätzt den Anteil der Elternschaft, der sich ausgeprägt überfürsorglich verhält, auf etwa zehn bis 15 Prozent. Er verweist in seinem Buch darauf, dass sich heute nur jeder zweite Grundschüler ohne Eltern auf den Schulweg macht, während das 1970 in Westdeutschland noch 91 Prozent der Kinder taten, und fragt sich, ob Deutschland wirklich so viel gefährlicher geworden sein kann. Und der viel bejammerte Schulstress rührt nach Worten von Kraus nicht daher, dass die Schule in Deutschland so viel anstrengender geworden wäre, sondern entsteht durch den Förderwahn der Eltern, die für ihr Kind neben einer Englischausbildung ab dem dritten Lebensjahr, dem Erlernen eines Musikinstruments ab dem vierten Lebensjahr und einer Karriere im Sportverein ja nur das Beste wollen.

Anneke Wilkening aus Stadthagen ist die Vorsitzende des Schulelternrates der Grundschule Am Sonnenbrink und vertritt die Ansicht, dass Kinder nicht zu überbehütet werden sollten. Sich in einen Streit ihrer Tochter mit einer Klassenkameradin einzumischen, kommt für sie nicht infrage: „Ich habe mich in einem solchen Fall geweigert, mich bei der anderen Mutter zu beschweren. Daraufhin nahm meine Tochter den Hörer in die Hand und klärte die Sache selbst mit ihrer Freundin und deren Mutter. Hinterher hab ich meine Tochter gelobt und sie selber fühlte sich wieder ein Stück erwachsener“.

Wilkening persönlich beobachtet, dass sich Eltern mehr und mehr in zwei Lager spalten. „Da sind einmal die Eltern, denen alles gleichgültig ist und die, die ihre Kinder mit Fürsorge ersticken“, sagt Wilkening. Vielen Kindern fehlt heutzutage jeglicher Sinn für Regeln und Ordnung. „Wenn das Radiergummi weg ist, kauft Mama eben sofort ein neues“, beschreibt Wilkening die wachsende Unselbstständigkeit überbehüteter Kinder, denen alles abgenommen wird. Sie selbst hofft, bei der Erziehung ihrer Tochter ein gesundes Mittelmaß zu finden.

Helikopter-Eltern drängen ihre Kinder zu Bestleistungen in allen Lebenslagen – ein „befriedigend“ wird oftmals nicht akzeptiert, Schuld ist dann jedoch die Schule oder der betreffende Pädagoge.mak



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