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Kontrolliert verwahrlost

Was Neu-Camper vor ihrem Urlaub wissen sollten

Der Mensch ist ja gerne da, wo alle anderen Menschen auch sind. Beim Stadtfest, in der S-Bahn, am Strand. So richtig eng soll es sein. Kuschelig. Da fühlen wir uns wohl. Doch Corona hat das Blatt gewendet. Abstand ist jetzt schön, für sich sein, frische Luft.

veröffentlicht am 22.08.2020 um 07:00 Uhr
aktualisiert am 22.08.2020 um 09:30 Uhr

Frank Henke

Autor

Reporter zur Autorenseite

Kein Wunder also, dass Camping für viele das Ende aller Urlaubssorgen verheißt: So individuell, so naturnah, so ganz ohne eingeklemmtes Sitzen im Charterflieger, Schlange stehen am Frühstücksbuffet und andere Kontakte zu potenziellen Virenträgern.

Doch ob Igluzelt oder jachtteures Wohnmobil: Bevor sie sich auf die Reise machen, sollten sich Neu-Camper einem kleinen Selbsttest stellen. Es kommt wohl etwas spät, aber: Ich bin da gerne behilflich. Hier also ein paar Campingphänomene, denen Sie begegnen dürften. Stellen Sie sich einfach jeweils die ehrliche Frage: Will ich das wirklich? Fangen wir ganz harmlos an:

Erstens: Camper sind freundlich. Wenn Sie sich nicht offensiv dagegen wehren, werden Sie Ihre Platznachbarn kennenlernen. Manchmal intensiver, als Ihnen lieb ist. Wer mit sperrigem Equipment anreist – Wohnwagen zum Beispiel – ist schon beim Aufstellen nicht allein. So ein Wagen will in Position geschoben werden, das geht zu fünft deutlich einfacher als zu zweit. Diese Hilfe ist grundsätzlich unverbindlich, kann über ein, zwei Tage Gelegenheitskonversation („Na, was macht ihr denn heute?“), aber auch zur gemeinsamen Einnahme regionstypischer berauschender Getränke führen. Damit ist der Urlaub in familiärer Privatheit im Grunde beendet. Kann schön sein, muss aber nicht.

Hinzu kommen intime Informationen, die nicht jeder schätzt: Der Mann im Wohnwagen nebenan schnarcht. Vielleicht aber auch seine Frau. Und das Paar in dem blauen Discounter-Zelt hatte heute Nacht zwischen zwei und drei Uhr Sex. Wollten Sie gar nicht wissen? Wir auch nicht.

Zugleich erfährt der aufgeweckte Nachbar natürlich mehr über Sie als Google an einem langweiligen Nachmittag im Büro. Schlafen Sie gern aus? Treiben Sie Sport? Vegetarier oder Dauergriller? Und auf der Wäscheleine: Boxershorts oder Slips? Auf dem Campingplatz gibt es (fast) keine Geheimnisse.

Zweitens: Camping ist naturnah. Doch, doch: Ist es! Natürlich sind wir hier bei der philosophischen Grundsatzfrage: Suchen Sie beim Camping möglichst viel „wie zu Hause“ oder eher möglichst wenig „wie zu Hause“. Die erste Variante führt zu schon grotesk lustigen Ein- bis Zweifamilienhäusern auf Rädern. Der Kleinwagen für den Stadtausflug wird gerne auf einem – in Relation – winzigen Anhänger mitgeführt. Klar ist in solch einer kühlschrankfarbenen Mobilvilla die Natur etwas ferner als im Drei-Mann-Zelt - und trotzdem: Spätestes vor dem Moskito sind wir alle gleich. Spinnenphobiker erreichen beim Campen auch selten ihren gewohnten Ruhepuls, und so ganz ohne erdbraune Fußsohlen geht‘s auch nie. Mancher Camper reagiert darauf mit übertriebener Reinlichkeit, ich plädiere jedoch für kontrollierte Verwahrlosung. Das entspannt.

Anderes Thema: Nein, Campingplatz ist nicht gleich Campingplatz und Camper nicht gleich Camper. Doch spätestens in – sagen wir – wertkonservativerem Urlaubsumfeld wird (drittens) deutlich: Camper sind Bastler, Optimierer, kurz: Macher. Der männliche Camper ist da meist noch ganz mit seinen Rollenklischees im Reinen. Die Frau mag am Gasherdfeuer wachen und die nassen Badetücher aufhängen, der Mann schafft mit seinen eigenen Händen Großes: vierfach im Boden verankerte Markisen, mittels Nasa-Technologie feinjustierte Satellitenschüsseln oder wenigstens – so viel Sicherheitsoffizier steckt in jedem – mit rot-weißem Flatterband markierte Abspannschnüre. Der mitgeführte Gerätepark ist imposant. Wer eine Lücke in der Ausrüstung entdeckt („Hast du vielleicht ein Ladegerät für die Autobatterie dabei?“), kann peinliches Berührtsein im Campergesicht ablesen.

Und als Letztes noch: Camping heißt Komfortverzicht. In der Regel findet es nach wie vor ohne Geschirrspüler statt, und der Toilettengang bedeutet einen kleinen Fußmarsch. Meiner Erfahrung nach sind schöne Plätze noch immer gern frei von Handy- oder gar Internetempfang. Auch da gilt: Muss man wollen. Gegebenenfalls mitreisende pubertierende Kinder übrigens auch.

Trotzdem: Ich war in diesen Ferien wieder campen. Ich habe es sehr genossen. Die Plätze waren diesmal etwas voll – aber das dürfte sich nach dieser Kolumne dann ja vielleicht erledigt haben …



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