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Das kickt nicht mehr

Warum mich die Fußball-WM kaltlässt

Fußball, wir müssen reden. Ganz offen, wir kennen uns schließlich schon ein Weilchen.

veröffentlicht am 26.05.2018 um 13:00 Uhr

Illustration: cn
Frank Henke

Autor

Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite

Mit sieben Jahren, 1981 war das, nahm mich mein Vater zum ersten Mal mit in ein Bundesligastadion: diese Atmosphäre, diese Menschenmasse (24 000 Leute!), dieser Manfred Burgsmüller! Ich war hin und weg. Auf der Dortmunder Südtribüne rechts von mir wurde gesungen, gebrüllt und geklatscht. „Sprechchöre“ sagte ein stadionerfahrener etwas älterer Freund dazu. In so einen Sprechchor wollte ich auch – kann man sich da irgendwo anmelden?

Zeitsprung – ungezählte Stadionbesuche später: 2018. Die Bundesligasaison ist gelaufen, eine Weltmeisterschaft steht vor der Tür. Und mein WM-Fieber? Nicht mal erhöhte Temperatur. Dabei sind die Großturniere ja eigentlich eine feine Sache: herzerwärmende Außenseiter (ob nun aus Kamerun, Australien oder Island), strauchelnde Favoriten (ob nun aus Brasilien oder Italien), erbarmungslose Elfmeterschießen (meistens gegen England) und drum herum – wenn’s gut läuft – ein Gefühl von Völkerverständigung und Weltfrieden. Dass Deutschland zudem im Grunde fürs Halbfinale gesetzt ist, hält die Begeisterung bis zum Turnierende hoch.

Doch irgendwie ist die Angelegenheit zwischen uns beiden schwieriger geworden, Fußball. Vor allem dann, wenn’s um diesen ganz großen Fußball geht, den Fifa-Fußball. Jeder ahnt, was nun kommt – also in Kurzform. WM 2018: Russland (He, ist das nicht der Sponsor von Schalke?), WM 2022: Katar (optimale Voraussetzungen – so man vom Klima, der Scharia und dem Fußballdesinteresse der Bevölkerung absieht) und die WM 2026? Die geht dann wohl schon bald nach – im Vergleich akzeptabel – Amerika. Schließlich will Trump bei abweichendem Abstimmungsverhalten afrikanischen Ländern den Geldhahn zudrehen. Fußball, warum willst du nur mit solchen Leuten zu tun haben?

Nur eine rhetorische Frage, klar. Der Weltfußballverband – und nicht nur der – steigt zu jedem ins Bett, der ihm Macht, neue Märkte und noch mehr vom ganz großen Geld verheißt. Jeder Kurvensteher weiß das längst, zieht aber trotzdem wieder das Trikot seines Bundesligaklubs an und macht sich auf den Weg ins Stadion. Doch auch das wurde in den vergangenen Jahren etwas schal: die Deutsche Meisterschaft immer vorhersehbarer, die Spieler immer abgezockter, die Ablösesummen immer absurder, die Anstoßzeiten immer ungünstiger, die Ultra-Gesänge immer einschläfernder, die Eintrittspreise immer höher, das Stadionerlebnis immer steriler. In manchen Arenen (so sagt man heute dazu) verteilen sie Klatschpappen. Wie beim Handball. Würdelos.

Sollte man das alles noch mitmachen? Eigentlich nicht. Eigentlich wäre es besser, wir steckten weniger Leidenschaft in Diskussionen über Schiedsrichterentscheidungen und Auswechslungen und dafür mehr in – sagen wir mal – die Rettung der Amur-Leoparden in Nordostasien. Oder die deutsche Bildungspolitik. Aber wer mag schon immerzu über solch vernünftigen Kram nachdenken? So ganz ohne Tore und Sprechchöre.

Trotzdem: Angesichts dieser Weltmeisterschaft komme ich nicht auf Fan-Betriebstemperatur. Nach der Sotschi-Olympia-Farce ist eine weitere Putin-Propaganda-Show – Staatsdoping inklusive – kaum zu ertragen. Klar, eine Weltmeisterschaft mit fragwürdigen oder gar skandalösen Gastgebern ist auch nichts Neues. Argentiniens Militärjunta ließ rund um die WM 1978 Zehntausende ermorden. „Argentinien ist ein Land, in dem Ordnung herrscht. Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen“, zog der deutsche Kapitän Berti Vogts zufrieden WM-Bilanz. Wer soll sich da noch über ein Foto mit dem türkischen Staatschef aufregen? Doch wo liegt unsere Schmerzgrenze? Wer käme noch mit zum Public Viewing einer WM in Nordkorea?

Aber letztlich ist uns eben vieles egal, wenn erst mal der Ball rollt. Denn wenn wir uns dann ganz doll anstrengen, und es auf dem Rasen optimal läuft, dann fühlt es sich schließlich immer noch ein bisschen so an, als wären wir sieben Jahre alt: Elf Freunde auf dem Rasen, Zehntausende Freunde drum herum – das stimmte nie, machen wir uns aber schon immer nur zu gerne vor. Und zusammen sind wir dann zu allem in der Lage. Die Fans von Eintracht Frankfurt dürften genau so das Pokalfinale vor einer Woche erlebt haben: Ein reines Fußballwunder, das nicht mal mehr der Schiedsrichter mit einem Elfmeterpfiff verderben wollte. Und wer weiß? Vielleicht bringt sogar diese Fußballweltmeisterschaft solche magischen Momente. Ein unvergessliches Halbfinale wie 1982 gegen Frankreich oder 2014 gegen Brasilien. Vielleicht sogar noch ein legendäres Finale.

Und danach glauben wir dann für ein paar Wochen, dass der FC Bayern diesmal vielleicht mal nicht Deutscher Meister wird. Alternativ bleiben uns ja sonst immer noch die wildromantischen Stadien der dritten, vierten oder fünften Liga. Oder gleich der Kreisliga-Kick um die Ecke.

Doch irgendwann sollten wir trotzdem mal nicht nur eine Halbzeitpause lang darüber nachdenken, wie wir dieses tolle Spiel vor seinen Totengräbern retten wollen.



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