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Treffer – oder auch nicht

Warum es nicht immer Spaß macht, Zielgruppe zu sein

Es ist schon erstaunlich, was andere Leute so von einem zu wissen scheinen. „Genau unsere Zielgruppe“, sagt die junge Frau mit Dackelblick, entfernt sich etwas vom Info-Stand, der mitten in der Fußgängerzone steht und hält mir ihre Unterschriftenliste unter die Nase – gegen Tierversuche. Was an mir hat sie jetzt genau darauf gebracht, dass mir das Tierwohl zu Herzen geht?

veröffentlicht am 15.09.2018 um 11:00 Uhr

Illustration: cn
Kerstin Hasewinkel

Autor

Kerstin Hasewinkel Stv. Redaktionsleiterin zur Autorenseite

Mein Mantel (kein Pelz)? Meine Handtasche (heute mal kein Leder)? Schließlich trage ich gerade kein Statement-Shirt mit Katzengesicht. Geschweige denn, dass ich den Hund dabei hätte. Mein Äußeres unterscheidet mich kaum von der Durchschnitts-Passantin. Also Zielgruppe, weil ich die 30 – o. k.: auch schon die 40 überschritten habe?

Eins ist sicher – online werden wir ständig einsortiert: weiblich, U 50, verheiratet ... Wer jetzt ein „Selber Schuld“, auf der Zunge hat und sofort an Bestellverhalten und sonstige im Internet freiwillig gemachte Angaben denkt, der sei darauf hingewiesen, dass die Pest des Datensammelns nicht nur online, sondern auch im echten Leben um sich greift.

Seit neuestem werde ich in meinem bevorzugten Einkaufsmarkt beim Bezahlen tatsächlich nach einer Nummer an meinem Einkaufswagen gefragt, die ich bis dahin überhaupt nicht bemerkt hatte. Auch hier geht es darum, Erkenntnisse über mein Einkaufsverhalten zu gewinnen, wenngleich anonym. Oder denken wir an die Werbung, die je nach Sendeformat beziehungsweise Sender auf das zu vermutende Durchschnittspublikum zugeschnitten ist. Während wir in Deutschlands Nachrichtenmagazinen ganzseitige Anzeigen für Porsche-Uhren finden, laufen bei RTL II Werbespots für KiK. Wenn das Telefon zu Hause klingelt und eine vermeintlich sympathische Frauenstimme mir vorgaukelt, sie sei an meiner Meinung zum Thema xy interessiert, lege ich mittlerweile wortlos auf. Früher habe ich wenigstens noch freundlich um Verständnis für mein ablehnendes Verhalten gebeten. Heute muss man ja regelrecht Angst haben, an der falschen Stelle Ja gesagt zu haben. Ein Jahres-Abo Tütensuppen ist das Letzte, was ich gebrauchen kann.

Bauknecht wusste ja früher schon, was Frauen wünschen. Manchmal wundere ich mich aber, dass das mit den Zielgruppen in der heutigen Zeit überhaupt noch funktioniert. Nie war etwa die Trennschärfe zwischen den Generationen so verschwommen. Beispiel Kleidung: Heute haben die sechsjährigen Mädchen die gleichen Kleider und Shirts im Schrank wie ihre 54-jährige Oma, nur eben ein paar Nummern kleiner. Lieblingsfarbe: Pink. Vorbei die Zeiten, als ältere Damen noch an ihrer Frisur zu erkennen waren, heute ist der „Granny Style“ bei jungen Frauen en vogue.

Nun kann man dem ja auch Positives abgewinnen, wenn heute eben nicht mehr nur Frauen am Herd stehen, sondern Männer sich ganz selbstverständlich um Küche und Kinder kümmern. Meine Freundin Sandra kann mit dem Akkuschrauber umgehen, Stühle reparieren und legt trotzdem Wert auf gepflegte Fingernägel, elegante Kleidung und geht regelmäßig zum Friseur.

Für die Zielgruppen-Ansprache wird es dadurch natürlich viel komplizierter, dass die Schubladen offenbar weniger werden. Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage: Auch die Zeitung hat eine Zielgruppe. Unsere Leser. Die sind so verschieden wie die Sammlung Bauklötze im Kinderzimmer: alle Farben und Formen vertreten.

Deutlich definierter ist da schon diese Zielgruppe: „Sie können schießen und mögen Pferde? Ihre Haare sind lang und schwarz? Sie hätten gerne einen Blutsbruder?“, fragt der NDR im Internet. Gesucht wird mit diesen Merkmalen: ein Winnetou-Darsteller für die Karl-May-Spiele in Bad Segeberg.

Ja, ich bin gegen Tierversuche. Meine Unterschrift hat die junge Frau mit Dackelblick trotzdem nicht bekommen. „Ich hasse Tiere“, lüge ich in solchen Fällen grundsätzlich. Man muss ja auch nicht zu viel von sich preisgeben. Dackelblick funktioniert bei mir nur bei Vierbeinern.



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