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Lügen aus Laboe

Warum die gute alte Urlaubskarte nicht aussterben darf

Früher war alles besser. Oder nein, sagen wir lieber: anders. Nehmen wir zum Beispiel Ansichtskarten. Die schreibt ja heute kaum noch jemand. Egal, ob zu Weihnachten oder Ostern, auch im Urlaub gehörte es doch einfach dazu, einen Stapel Karten mit kitschigen Abbildungen zu kaufen, die passenden, nach Fischmehl schmeckenden Marken anzulecken und aufzukleben.

veröffentlicht am 17.03.2018 um 12:00 Uhr
aktualisiert am 26.03.2018 um 14:49 Uhr

Kerstin Hasewinkel

Autor

Redaktionsleiterin zur Autorenseite

Wie blöd, wenn es im Souvenirgeschäft dann keine Marken gab und man extra deshalb zur Post gehen musste. Nach ein paar Erholungstagen ging es dann ans Schreiben und wiederum auf die Suche – um die Dinger wieder loszuwerden. Wo ist der nächste Briefkasten?

Nur auf Beerdigungen wurde und wird wohl noch mehr gelogen als auf den Urlaubspostkarten, mit denen man der buckligen Verwandtschaft und ein paar ausgewählten Freunden „sonnige Grüße“, schickte und vereinzelt auch heute noch schickt. Allesamt Traumstrände, die der Schreibende gesehen hat, natürlich nur bei herrlichem Wetter und idealen Wassertemperaturen. Wenn man die Inhalte der Kartengrüße so zusammenrechnet, hätte es eigentlich nicht einen einzigen Fall von Reisepreisminderung wegen nicht vorhandenem Meerblick, eines in Reparatur befindlichen und daher nicht nutzbaren Pools oder gar wegen Kinderlärms geben dürfen.

Hat irgendjemand mal auf eine Postkarte geschrieben: Ist das ein sch... Urlaub, unfreundliche Kellner hier und dreckige Zimmer? Das gehört einfach nicht in den flotten Dreizeiler auf der Rückseite eines idyllischen Fotos, vom Sonnenuntergang am Meer oder dem Blick in typisch mediterrane Altstadtgassen.

Von mir aus auch der knackige Frauenpo im sexy Höschen (ja, schreiben Sie mir gerne, wenn Sie das jetzt angesichts der aktuellen Diskussion unpassend finden). Motiv hin oder her – der Gruß an die Daheimgebliebenen war obligatorisch. Auch wenn man meist lange wieder selbst zu Hause war, als die Karte von der fernen Insel endlich die Heimat erreicht hatte.

Heute erledigen wir Urlauber dank unserer grenzenlos digitalen Welt das ja per Facebook und posten, was das Zeug hält Bilder von der Skipiste aus den Alpen, von grünen Wiesen oder dem Traumstrand mit Palmen. Oder aktuelle Wasserstandsmeldungen im Stundentakt per WhatsApp. Das Zimmer, das Bad, der Pool, die Liegestühle, ja, natürlich auch das Büffet und den leckeren Drink an der Bar. Kost ja nix. Und man erreicht mit einem Klick viel mehr Leute, ob die wollen oder nicht.

Pool, Palmen, Pasta – digital gibt’s Meldungen im Stundentakt

Auch Kinder auf Klassenfahrt machen sich kaum mehr die Mühe, die obligatorische Karte aus dem Ständer in der Jugendherberge zu nehmen und dann abzuschicken oder es eben auch zu vergessen. Ich hab sogar noch welche als Erinnerungen mitgenommen, obwohl meine Eltern natürlich auch eine per Post bekommen haben – und sie damit ohnehin bei uns zu Hause landete. Heute geht das natürlich viel schneller per Handy. Bin da. Alles gut hier. Aber es ist einfach nicht dasselbe.

Aber stimmt das überhaupt? Ist Kartenschreiben wirklich nicht mehr angesagt? Der kurze Blick bei Google belegt, dass die Postkarte nach wie vor ein Thema ist – ein Schelm, der da an diejenigen denkt, die die Karten herstellen. Und die gut befüllten Ständer in den Buchläden und Schreibwarengeschäften lässt auch andere Schlüsse zu. Und wie jüngst in dieser Zeitung zu lesen war: Laut Marktforschungsinstitut Media Control griffen im Jahr 2016 noch 78 Prozent der deutschen Urlauber nach wie vor zur Ansichtskarte. Also, ich weiß nicht. Gefühlt landeten früher mehr Kartengrüße in unserem Briefkasten als im heutigen WhatsApp-Zeitalter.

An mir kann es nicht liegen. Denn ich schreibe nach wie vor Postkarten aus dem Urlaub. Da bin ich altmodisch. Nicht mehr so viele, nur noch an ausgewählte, die mir den durchweg unkritischen und durchweg fröhlich gestimmten Kurzinfos umgehen können. Natürlich nicht ganz uneigennützig – löst die Karte doch manches Mal den Mechanismus aus: Die hat mir geschrieben, dann muss ich doch auch.

Ich freue mich jedenfalls selbst wie Bolle, wenn ich aus unserem Briefkasten zu Hause eine Karte fische. „Viele liebe Grüße von der Sonneninsel XY sendet dir ... Uns geht es gut, Wetter und Essen super.“ Da weiß man doch, dass es den Leuten gut geht. Und fühlt sich selbst so ein bisschen wie im Urlaub.

Also bitte keine Whats-App! Die gibt’s nun mal nicht handgeschrieben. Und die kann man auch nicht in die Kiste zu den anderen Urlaubsgrüßen legen, die Kiste in den Koffer, den Koffer auf den Dachboden. Und nach Jahren den Koffer vom Dachboden holen, in der Kiste wühlen und die alten Grüße lesen. Dokumente der Zeitgeschichte. Auch die aus der alten Kurstadt Bad Pyrmont oder die Ansichten des früheren Hamelns.

Und dann erst die Postkarten, die 25 Jahre unterwegs gewesen sind und so verspätet ihren Empfänger erreichen? Was für schöne Geschichten sind damit verknüpft. Gerade erst wurde am Strand in Australien eine mehr als 130 Jahre alte Flaschenpost gefunden. Herrlich.

Ob im Jahr 2150 irgendjemand alte Handys findet und die WhatsApp liest? Früher war’s romantischer.



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