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Kinder, Kinder

Warum die Großen sich ein Beispiel an den Kleinen nehmen sollten

Im Grunde könnte Greta ja froh sein – wenn es nicht gerade eine Pandemie wäre, die zurzeit alles auf den Kopf stellt. Die Corona-Krise aber verschafft der Klima-Kämpferin wenigstens mal ein bisschen Ruhe. Die Besserwisser und Verschwörungstheoretiker jedenfalls haben ein neues Feindbild gefunden, das ihrer Meinung nach zuständig ist für das Grundübel dieser Welt. Aber wen eigentlich?

veröffentlicht am 23.05.2020 um 08:00 Uhr

Kerstin Hasewinkel

Autor

Redaktionsleiterin zur Autorenseite

Gegen das Coronavirus selbst kann man ja nicht demonstrieren – also dann bitteschön gegen die Obrigkeit. Passt ja immer. Wo wart Ihr eigentlich, als die Fridays-for-Future-Bewegung durch die Straßen zog? Seid Ihr dieselben, die jetzt für Saturday-for-Freiheit (von mir aus auch Freedom) losziehen?

Der Straßenkampf der jüngeren Generation für ein besseres Weltklima passte Euch ja aber auch nicht in den Kram. Manche Erwachsene meckern nur noch, scheint mir. Während der Sechsjährige wie selbstverständlich seine bunt gepunktete Maske mitnimmt und klaglos aufsetzt, bevor es zum Einkaufen geht und seine vierjährige Schwester – obwohl sie nicht müsste – es ihm gleich tut, stöhnen die Großen. Man kriegt keine Luft, es ist so umständlich und überhaupt: Die schützt doch gar nicht.

Gezeter und Diskussionen über Sinn und Zweck von Abstandsregeln allerorten. Neiddebatten statt Solidarität. Wut statt Einsicht. Als sich neulich in einem Shop eine Frau umständlich ein einfaches Taschentuch vor Mund und Nase presst, was sie natürlich durchaus behindert, meint die Verkäuferin, sie brauche sich nicht zu bemühen. Der Händler müsse eh schon Strafe zahlen, weil Auflagen nicht eingehalten wurden. Aha. Klar. Wenn ich geblitzt werde oder falsch geparkt und dafür meinen Strafzettel bezahlt habe – kein Problem. Danach kann ich dann richtig wilde Sau spielen.

Mal ehrlich: Reißt Euch endlich zusammen! Die Klopapierkrise ist ja schließlich auch ausgeblieben, in den Regalen längst Normalität eingekehrt. Ich finde es auch schade, dass ich beim Einkaufen zurzeit keinen Lippenstift tragen kann, aber es gibt weiß Gott schlimmere Schicksale. Ein entbehrungsreiches Leben, das mussten meine Großeltern führen. Da hat das Kohleschleppen das Fitnessstudio ersetzt. Nicht, dass ich mit diese Zeiten zurückwünsche, aber man kann ja mal dran erinnern.

Ja, natürlich gibt es Privilegierte mit Haus und Garten, Eltern, die die Kinderbetreuung besser organisieren können als andere, weil sie andere Möglichkeiten haben. Doch niemand muss gerade hungern und im Vergleich zu anderen Ländern sind die ganz großen Dramen bei uns ausgeblieben. Nein, es ist nicht schön, dass es eine Wirtschaftskrise gibt, wahrlich nicht, und mancher um seine Existenz bangt. Nicht immer ist allerdings die Corona-Krise die Ursache dafür. Manchmal denke ich, ich höre nicht richtig, wenn Mütter und Väter von „unhaltbaren Zuständen“ berichten und sie einfach nur noch genervt sind – von ihren eigenen Kindern. Ihr könnt die Kleinen ja, wie der Postillion vorschlägt, in den wieder geöffneten Biergärten abgeben.

Und was machen die Lütten derweil? Das Beste draus. Klar würden auch sie gerne wieder ihre Freunde treffen, vermissen ihre Kita, sogar die Schule. Sind nicht begeistert von den neuen Regeln, die nun gelten, wenn sie nach und nach in den Alltag zurückkehren. Wie sollen sie verstehen, dass die Bundesliga wieder spielt, sie aber nicht zum Sport können? Doch ausgerechnet unsere Jüngsten haben offenbar kapiert, dass sich das keiner ausgedacht hat, um sie zu ärgern. Waschen brav die Hände.

„Wie lange dauert dieses Corona noch?“ fragte mich kürzlich unser Sechsjähriger. Und stampfte nicht wütend mit den Füßen auf, als ich wahrheitsgemäß antwortete, dass das gerade niemand wirklich sagen kann (derartige Versuche kennen wir ja, wenn das zweite Eis eingefordert wird). Doch ganz offensichtlich kann er die Dinge auseinanderhalten.

Kinder haben wohl etwas, das vielen Erwachsenen verloren gegangen ist: Vertrauen.

Kinder scheinen ein angeborenes Talent zu haben, sich auf das Gute zu besinnen (wann ist uns das abhanden gekommen?). Ein kleines Mädchen strahlt: „An meinem Geburtstag darf ich wieder in den Kindergarten.“ Der erwachsene Gesprächspartner ist konsterniert, man soll Kinder nicht anlügen, aber er will die Kleine auch nicht enttäuschen oder gar falsche Hoffnungen wecken. Die Mutter greift ein: „Der Geburtstag ist im Dezember!“

Ja, das könnte klappen. Bleiben wir zuversichtlich. Greta gibt ja auch nicht auf.



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