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Lust auf Frust

Warum der bequeme Weg nicht immer der beste ist

Frustfreie Verpackungen verwendet der weltgrößte Onlinehändler. So behauptet er zumindest selbst. Ich weiß nicht, wie genau die Pappverpackungen früherer Tage die Kundschaft gefrustet haben, aber damit ist nun wohl ein für alle Mal Schluss. Doch das Wort „frustfrei“ hat noch weit mehr Potenzial. Eigentlich müsste es eins der Zeitgeistwörter unserer Tage sein.

veröffentlicht am 28.04.2018 um 08:00 Uhr

Illustration: cn
Frank Henke

Autor

Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite

Denn der Frust gehört offenbar ausgemerzt wie einst die Pocken. Und zwar schon im Keim, als ganz kleines Früstchen, im Kindesalter. Damals an meiner Grundschule waren die Bundesjugendspiele eine erbarmungslose Auslese. Hier trennte sich die kriechende Spreu vom elegant sprintenden Weizen. Hier wurden Talente gekrönt und Verlierer verspottet. Die Wunden, die der Frust schlug, ohne Sieger- oder Ehrenurkunde nach Hause zu schleichen, verheilten spät – bei manchen nie. Heute sieht das anders aus. Frustfreie Bundesjugendspiele! Jedes Kind bekommt eine Urkunde. Wenn es nicht so läuft, halt die „Teilnahmeurkunde“. Im Freizeitsport funktioniert das ähnlich. Pokale und Medaillen gibt’s beim Minikicker-Turnier auch noch für den Achten von acht. Jubeln lässt sich darüber trotzdem – ganz leistungsunabhängig. Und auch die ganz kleinen Aufregungen lassen sich bei den Kleinen frustfrei wegbügeln: Es gibt zum Beispiel lange schon Schokoladen-Eier mit Spielzeugfiguren nicht nur in jedem siebten – in jedem Ei. Keine Spannung, aber vor allem natürlich wieder: kein Kinderfrust.

Das lässt sich dann im Erwachsenenleben fortsetzen: Pauschalurlaub mit Schnitzel und Sonnengarantie statt Abenteuer in der Fremde. Das E-Bike entschärft beim Radfahren die frustigen Steigungen und den fiesen Gegenwind. Oder wie wär’s mit Nordic Walking? Im Grunde frustfreies Joggen. Gar nicht erst zu reden von den unzähligen leeren und manchmal kriminellen Werbeversprechen vermeintlicher Frustfreiheit: Putzen ohne Mühe, Studienabschlüsse ohne Lernstress, Reichtum ohne Arbeit.

Doch macht all diese Frustvermeidung unser Leben aufregender, reicher, erfolgreicher, besser? Wohl kaum. Denn was entsteht nicht alles aus Frust? Eine Menge toller Songs – nur mal als Beispiel – hätte es ohne den Frust ihrer Verfasser nie gegeben. Schwer vorzustellen, was allein die steinalten Rolling Stones mit dem Thema an Millionen gescheffelt haben: „Satisfaction“, „You Can’t Always Get What You Want“ – lupenreine Frusthymnen.

Doch warum wurden und werden solche Lieder geschrieben und geliebt? Weil Frust zum Leben gehört, weil er uns die Siege – den Anti-Frust sozusagen – erst genießen und feiern lässt. Natürlich geht es dabei eigentlich nicht um den sinnlosen Ärger über schlecht zu öffnende Verpackungen. Aber „Frustfreiheit“ auf allen Ebenen kann nicht der Weg sein. Denn Frust ist immer wieder der Ausgangspunkt für echte Durchbrüche.

Ein elementares Beispiel: Ein Baby kommt auf die Welt, schrecklich niedlich – und schrecklich immobil. Das frustet das Baby über kurz oder lang. Also rollt und robbt es über den Teppich. Das macht für einige Zeit recht zufrieden, dann werden die Schwächen der Methode unübersehbar: unpräzise, langsam und überhaupt viel zu horizontal – Frust. Krabbeln ist da schon viel besser, aber dann doch nicht in jeder Hinsicht. In Bezug auf den Knabberkram auf dem Sofatisch und die interessante Nachttischlampe hilft es zum Beispiel kaum weiter. Neuer Frust – aber nur kurz. Denn am Ende führen diese Frustschübe zu der bahnbrechenden Erkenntnis, dass die kleinen rundlichen Ravioli am Ende der Babybeine doch zu mehr gut sein müssen: Stehen! Laufen!

Und ungefähr so läuft ja nicht nur die Kindesentwicklung, so lief unsere gesamte Menschheitsgeschichte. Von der an Land gerobbten Amphibie bis zum aufrechten Gang. Wären wir eine Spezies der steten Frustausweicher, würden wir vermutlich noch immer irgendwo auf dem Bauch im Matsch liegen. Um uns mit dem Notwendigsten zu versorgen, käme dann hoffentlich ab und an mal die Drohne eines Versandhandels vorbei. Schwer beladen mit weiteren frustfreien Paketen.



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