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Jetzt reicht's

Warum auch ich manchmal zum Wutbürger werde

Bevor die Weihnachtszeit uns mit einer klebrig-süßen Zuckergussschicht aus Liebe und Verständnis die wahre Sicht auf die Realitäten verkleistert, muss ich mich noch mal kurz aufregen. Über den Opa, der vor mir auf dem Bürgersteig geht und völlig unvermittelt, begleitet von entsprechenden Geräuschen, auf den Bürgersteig rotzt. Hat der denn kein Taschentuch dabei? Wenn schon keines aus Stoff, das eigentlich in jede Männerhosentasche gehört, dann wenigstens eins aus Papier? Jetzt reicht´s!

veröffentlicht am 17.11.2018 um 09:30 Uhr

Illustration: cn
Kerstin Hasewinkel

Autor

Kerstin Hasewinkel Stv. Redaktionsleiterin zur Autorenseite

Sie finden das übertrieben? Natürlich gibt es Schlimmeres. Auch mich treibt ein gewisser Herr Trump regelmäßig mit seinen dummen Kindereien, die immerhin kurzfristig unser Weltgefüge stark ins Wanken bringen, auf die Palme. Auch die Sorge um Umweltverschmutzung und Klimaerwärmung lässt mich nicht kalt. Oder der Gedanke an schwere Krankheiten. Aber während ich hier gerade so sitze und über das Tierelend nachdenke, könnte ich den Kollegen, der jetzt schon seit einer halben Stunde an meinem Ohr rohe Möhren knackt, umbringen.

Ein anderer kommt mit seiner Kaffeetasse in der Hand rein, es tropft auf den Teppich, er schlürft und beißt abwechselnd ins Butterbrot, spricht mit vollem Mund. Das löst sofort Gefühle bei mir aus, und es sind keine guten. Dabei kann mir das überall passieren, nicht nur im Büro. Das mit der spontanen Wut, meine ich. Dass Til Schweiger seine talentfreie Tochter in jeden Film zerrt, löst bei mir genau so Hitzewallungen aus wie festgeklebte Preisschilder, die regelmäßig meine Fingernägel ruinieren.

Mann, wie mich das ärgert. Genau wie die Leute, die mir an der Kasse in der Warteschlange den Einkaufswagen in die Hacken rammen. Aua. Dadurch geht es auch nicht schneller. Alle scheinen es immer unglaublich eilig zu haben. Auch die, die trotz Nebel vor der Kurve unbedingt überholen müssen. Die man dann an der nächsten roten Ampel wieder trifft.

Überhaupt: Autofahren, ein schier unerschöpflicher Quell des Hasses. Wenn der Fahrer vor mir hundert Meter vor der roten Ampel vom Gas geht und sich langsam weiter rollen lässt. Soll das Sprit sparen oder zur Entlastung der Umwelt beitragen? Ich will jedenfalls rechts abbiegen und hätte grün… Aber selbst mein gesetzter Blinker bringt den Idioten vor mir nicht auf die Idee, dass jemand ein anderes Ziel haben könnte als er.

Apropos Blinker. Schon mal gehört, wofür die da sind? In einem Leserbrief stellte kürzlich jemand die Theorie auf, der Hamelner an sich würde nicht gerne blinken. Mich beschleicht das Gefühl, der Mann hat recht. Vielen Dank, denke ich jedes Mal, wenn ich an einer Kreuzung links abbiegen will und wie vorgeschrieben langsam in die Kreuzung hineinfahre, weil der Gegenverkehr nicht blinkt, ergo geradeausfahren will und ich ihn durchlassen muss. Denkste! Im letzten Moment biegt der rechts ab… Manchmal habe ich das Gefühl, der andere hinterm Steuer würde ätschi-bätsch sagen und teuflisch grinsen. Wohlgemerkt, es handelt sich um eine mehrspurige Fahrbahn, an der wir locker hätten gleichzeitig fahren können.

Wieder ein paar Minuten meiner kostbaren Zeit verloren und ein paar graue Haare mehr… Überhaupt, wenn mir jemand meine Zeit stiehlt, das macht mich echt aggro... Wir sind um 20 Uhr verabredet. Viertel nach: keiner da. Um halb: kurze Whatsapp. Tut mir leid, verspäte mich etwas. Ach was, habe ich noch gar nicht bemerkt.

Das ist doch einfach unhöflich. Genau wie Männer, die nicht grüßen oder nicht die Tür aufhalten. Bei übertriebener Freundlichkeit kann mir allerdings genauso die Hutschnur hochgehen. Eine Zeit lang war es in einem Hamelner Supermarkt Usus, dass die Kassiererin nach dem Bezahlvorgang mit künstlichem Lächeln fragt: „War denn alles soweit recht?“ Ja, was, nee, ich hätte gerne noch einen gehabt, der mir die Füße massiert und zwischendurch noch ein Glas Sekt einschenkt. Mein Gott, es ist doch nur ein Einkauf!

Überhaupt, der Einkauf: Nicht nur, dass ich immer in der falschen Schlange an der Kasse stehe. Warum müssen sich die Leute, wenn sie sich zufällig im Supermarkt treffen, mit ihren vollen Einkaufswagen mitten in den Ausgang stellen? Hallo, könnt Ihr Euer Kaffeekränzchen vielleicht an einen anderen Ort verlegen? Menschenansammlungen an sich sind ja schon unangenehm, aber wenn man selbst dann nicht mehr durchkommt – nerv! Gedrängel an der Garderobe, das ist ja zuweilen schlimmer als am kalten Büfett. Es ist doch für jeden etwas da, im besten Fall nimmt am Ende jeder seinen eigenen Mantel wieder mit nach Hause. Obwohl, selbst solche Zeitgenossen gibt es ja, die im Restaurant einfach mal die falsche Lederjacke greifen. Oder Bademäntel in der Sauna. Aber das hatten wir ja neulich schon.

Ich bin Widder. Ich kann spontan sogar ziemlich wütend werden. Obwohl ich eigentlich wirklich ein freundlicher, friedliebender Mensch bin. Deshalb sind es ja auch nur ganz klitzekleine, kurze Aufreger. Andere gehen dafür ins Fußballstadion.

Aber eine Frage hätte ich noch: Warum bitte gibt es heutzutage an der Bäckertheke eigentlich nur noch belegte Brötchen mit Remoulade und dem vollen Gemüseprogramm? Wenn ich Tomate, Gurke, Paprika und noch mehr Grünzeug will, bestelle ich mir einen Salat. Oh Mann.



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