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Das muss so!

Warum alljährliche Pannen das wahre Silvesterfeuerwerk sind

Wir haben es überstanden. Ein weiteres Mal. Und natürlich war wieder alles wie immer: Zwei Tage Putzerei vor Heiligabend, das letzte Geschenk Hals über Kopf am selbigen um fünf vor eins besorgt und beim Blick in den Kühlschrank (um fünf nach eins!) festgestellt, dass Sahne für die Soße fehlt. Die Kinder: hysterisch wie immer. Der Tannenbaum: schief wie immer. Den bunten Teller, gerade liebevoll angerichtet, frisst der Hund. Wie immer.

veröffentlicht am 29.12.2018 um 09:00 Uhr

Illustration: cn
Juni

Autor

Julia Niemeyer Verlegerin / Chefredakteurin zur Autorenseite

Die eingeladene Oma (sie soll sich nicht mehr soviel Arbeit machen) steht schon wieder in der Küche im Weg und erteilt Ratschläge. Die beste Freundin ruft – wie immer – just in dem Moment an, in dem der Pudding ansetzt. Zwei Raucher stehen auf dem Balkon, die Tür bleibt offen und es zieht. Die Kerzen flackern, unbeobachtet und unheilvoll. Mit ein bisschen Glück fängt – nicht zum ersten Mal – der Adventskranz Feuer.

Alles war wie immer und wir zweifeln an uns. Hatten wir uns nicht vorgenommen, in diesem Jahr alles anders zu machen? Geplant, wohlgeordnet und vor allem: ganz entspannt. Wir wollten der Schwiegermutter die Altpapiertüte entreißen, mit der sie jedes Jahr wild entschlossen durch die noch laufende Bescherung pflügt. Der Hund sollte an die Leine und die Schwägerin samt Anhang auf eine halbe Stunde früher eingeladen werden, damit sie einmal pünktlich kommt. Die Weihnachtsmusik wollten wir etwas lauter drehen, um Opas Krankheitsgeschichten bei Tisch zu übertönen.

Mit alldem sind wir auch in diesem Jahr krachend gescheitert. Und wir werden es wieder tun. Gleich nächste Woche an Silvester. Noch so ein Datum, an dem alljährlich das Murmeltier grüßt und sich Geschichte zu wiederholen scheint. Wir wissen schon heute: Es wird wie immer. Der Hund wird brechen (weil wir vergessen werden, beim Tierarzt das Beruhigungsmittel zu besorgen). Wenigstens ein Kind wird sich last minute entscheiden, statt bei Freunden zu feiern lieber die Erwachsenenrunde zuhause mit pikierten Blicken zu spaßbremsen. Was egal ist, weil sich anstelle der erhofften Party des Jahrhunderts ohnehin wieder nur Warten auf´s Feuerwerk abspielt. Irgendwann nach dem Fondue wird jemand verzweifelt nach Brettspielen verlangen. Und wir werden feststellen, dass wir wie immer vergessen haben, einen neuen Würfel zu kaufen. Dann eben wieder Strinraten. Fest steht schon jetzt: Irgendein Scherzkeks wird wie jedes Jahr „Hitler“ auf den Zettel schreiben.

An dieser Stelle könnten wir nun abbrechen und einsehen, dass es nur zwei Wege gibt, den Teufelskreis zu durchbrechen: Verreisen (alleine und weit weg!) oder Konvertieren (Obacht, da drohen neue Feiertage!). Oder aber wir machen es wie die Buddhisten, nehmen hin, was nicht zu ändern ist - und erleben eine Erleuchtung: Die wunderbare Erkenntnis, dass alles, was uns jedes Jahr aufs alte Neue quält, Teil eines höheren Planes ist. Denn was wäre Weihnachten, was ein Jahreswechsel OHNE Rituale? Wir brauchen das einfach. Dieses Feststecken im Alten, Bekannten, Langerprobten, das buchstäblich die Zeit anhält. Ohne Alt kein Neu. Ohne Stillstand kein Aufbruch. Wahrscheinlich ist genau aus diesem Grund gerade das Jahresende so vollgeknallt mit Ritualen, von denen die „Echten“ vielleicht gar nicht die Wichtigsten sind.

Nicht vier Kerzen auf dem Adventskranz und eine Strophe „O Tannebaum“ vor der Bescherung machen den Heiligabend. Und das Neue Jahr bricht nicht an, nur weil es um null Uhr kräftig knallt und funkelt. Erst die ganze nervenzerrüttende Choreografie, die immer gleichen Rollen und Konflikte, die sich ständig wiederholenden Pannen und Fettnäpfchen machen, dass wir fühlen können: Jetzt ist es soweit! Nicht umsonst wecken die Brandlöcher in der Weihnachtstischdecke mehr festliche Erinnerungen als die Krawatte, die irgendwann mal auf dem Gabentisch lag.

Wenn also am kommenden Silvesterabend wie jedes Jahr eine leicht abgestandene Stimmung in der Racletterunde um sich greift; wenn Onkel Thomas wieder das Feuerzeug für die Böller vergisst und Sie um fünf vor zwölf mit Schrecken feststellen, dass die guten Sektgläser (wie immer…) noch angestaubt im Keller stehen, nehmen Sie es gelassen. Denn: Das muss so.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Ihren Familien ein Frohes Neues Jahr. Bleiben Sie gesund - schon damit Sie auch nächstes Jahr wieder mit den Augen rollen können, wenn die Katze beim ersten Knall in den festlich geschmückten Weihnachtsbaum springt.



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