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Für ein entspannteres Verhältnis zur „deutschen Tugend“ Pünktlichkeit

Warte mal kurz …

Deutschlands bester Tennisspieler, Alexander Zverev, hatte Knatsch mit seinem Trainer. Am Ende stand die Scheidung. Er, Ex-Coach Juan Carlos Ferrero, sei eben noch aus „einer anderen Schule“, erklärte Zverev. Aha, autoritär und kleinlich also – da verstehen wir den Herrn Zverev gut. In solche Schulen gehen wir schließlich auch nicht gern.

veröffentlicht am 24.03.2018 um 14:00 Uhr

Frank Henke

Autor

Reporter zur Autorenseite

Doch dem Tenniscoach gelang der Return: „Ich hatte ihn unter anderem gebeten, pünktlicher zu sein“, packte der in einer anderen Zeitung über seinen Schützling aus. Doch Tag für Tag 20 oder 30 Minuten zu spät zum Training kommen – das ginge ja wohl nicht. Und schon ist es vorbei mit jedem Verständnis für den Tennisprofi. Denn zwar wurde die Unpünktlichkeit in der Liste der Todsünden (fraglos eine Nachlässigkeit der laxen Katholiken) vergessen, unverzeihlich aber – so der Konsens – ist sie trotzdem. Obwohl: Warum eigentlich?

Nun gut: Im Grunde bleibt mir kaum etwas anderes übrig, als diese Gegenfrage zu stellen. Ein Plädoyer für die Pünktlichkeit würde mir wohl kaum jemand, der mich gewollt oder ungewollt näher kennt, so ganz abnehmen. Doch wie so oft im Leben, lohnt es sich, genauer hinzusehen. Denn so wie die Inuit angeblich besonders viele Wörter für „Schnee“ kennen (eigentlich Unsinn, ich weiß), so unterscheidet der routiniert Unpünktliche eine schier unermessliche Zahl verschiedener Unpünktlichkeiten. (Und trotz aller Aktualität: Die „Unpünktlichkeit am Zeitumstellungssonntag“ lasse ich jetzt als Sonderfall sogar mal außen vor.)

Es gibt – um nur die Oberkategorien zu nennen – begründete und unbegründete, verschuldete, unverschuldete und schlicht mutwillige Unpünktlichkeiten. Es gibt Unpünktlichkeitsroutinen und Inseln der Pünktlichkeit. Es gibt verzeihliche und unverzeihliche Pünktlichkeiten. Es gibt unhöfliche und – ja – höfliche Unpünktlichkeiten.

Beginnen wir mit dem letzten Fall: „Fünf Minuten vor der Zeit ist des Deutschen Pünktlichkeit“, sagt der Volksmund (wie auch immer das Gesicht zu diesem Mund aussehen mag). Leben Sie nach dieser Maxime? Ja? Und – haben Sie trotzdem noch Freunde? Denn malen wir uns kurz diese Situation farbig aus: „Ab 20 Uhr“ hat es in der Essenseinladung geheißen. Geboten werden soll irgendein überambitioniertes Drei-Gänge-Menü in privatem Ambiente. An einem Freitagabend. Der Zeitplan der Gastgeber ist also eng gestrickt: Arbeiten, nach Hause fahren, kochen, Kinderchaos beseitigen, Kinder ins Bett, Kinder-ins-Bett-bring-Chaos beseitigen, Tisch decken, Klamotten wechseln. Ahnen Sie, was gar zu penible Pünktlichkeit oder gar Überpünktlichkeit in dieser Situation bedeuten können?

Anderes Beispiel: der ultimative familiäre Ausnahmezustand – Kindergeburtstag. Ab 14.30 Uhr. Dann beginnen die lautesten, aufreibendsten und somit längsten drei bis vier Stunden im Elternjahr. Nun – auch wenn es niemand so sagt: Auf die gern gestellte Frage „Ist es ein Problem, wenn ich die Lia schon ein bisschen eher vorbeibringe?“ kann es deshalb eigentlich nur eine ehrliche (gebrüllte) Antwort geben. „Klar ist das ein Problem! Was denkst du denn?!“

Aber zu einer harmonischen Unpünktlichkeit gehören natürlich zwei Seiten: eine entspannt unpünktliche und eine gelassen (oder gar dankbar) abwartende. Anderswo – sagt das Klischee – finden sich diese zwei Seiten leichter. Eine deutsche oder auch preußische Tugend sei diese Pünktlichkeit eben. In Italien zum Beispiel sei das ja alles ganz anders. Doch auch südlich der Alpen, da bin ich mir sicher, gelten Abstufungen. Zu spät zum Vorstellungsgespräch oder zur Beerdigung, das finden bestimmt auch Italiener – sagen wir mal – so mittel.

Denn der große Haken an der Unpünktlichkeit ist nun mal ihre Botschaft, unbeabsichtigt mitgesandt wie ein Computervirus in der E-Mail. So kommen wir zwar zu spät, weil das Kind auf die Schnelle den Turnbeutel nicht fand, das Auto plötzlich kein nasskaltes Wetter mehr mag oder die Waschmaschine einen See in die Küche gepieselt hat, die Kollegen in der Besprechung um 9 oder die Freude in der Kneipe um 21 Uhr lesen nach 15 verspäteten Minuten trotzdem diese Botschaft: Da waren wir ihm (oder ihr) wohl nicht so wichtig. Blöd. Für alle Beteiligten.

Wir lernen also: Bei der Pünktlich- oder Unpünktlichkeit geht es um Wertschätzung, um gesetzte Prioritäten – einerseits. Anderseits aber eben auch um: das Leben. Denn haben Sie mal darüber nachgedacht, warum südeuropäische Länder – Spanien, Frankreich und (jawohl!) Italien – uns in Sachen Lebenserwartung regelmäßig etwas vorturnen? Olivenöl statt Butter? Rotwein statt Bier? Siesta statt Geschäftsessen? Mag alles helfen. Vielleicht hängt es aber doch schlicht an der entspannenden Distanz von dieser strengen preußischen Tugend. Herumzuhetzen wie das weiße Kaninchen in „Alice im Wunderland“ („O weh, o weh! Ich werde zu spät kommen!“) kann für Herz und Hirn jedenfalls so gesund nicht sein. „Entschleunigung“ fordert jetzt ganz bestimmt irgendjemand irgendwo.

Übrigens: Alexander Zverev hat mittlerweile bestritten, jemals zu spät zum Training erschienen zu sein. Nun gut, „mal zehn Minuten zu spät bei Pressekonferenzen“, das könne passieren. Was? Journalisten sinnlos warten lassen? Was bildet dieser unverschämte Kerl sich nur ein …



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