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Fast 1000 Tage nach der Schlecker-Pleite: So geht es den Frauen heute

War was?

Weserbergland. Fast 1000 Tage sind seither vergangen, 987 um genau zu sein, fast drei Jahre also. Der 23. Januar 2012, es war der Anfang vom Ende. An jenem Montag beantragte die einst größte Drogeriemarktkette Deutschlands Insolvenz. Eine Rettung misslang.

veröffentlicht am 08.10.2014 um 00:00 Uhr

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VON ROBERT MICHALLA

Antje Langner arbeitete einst für das Unternehmen, auf dessen Chef, Anton Schlecker, war sie lange Zeit nicht gut zu sprechen. Selbst ein Jahr nach der Insolvenz nicht. Wenn sie damals seinen Namen hörte oder ihn gar selbst aussprach, ist ihre Abneigung deutlich zu hören.

„Wir fühlen uns betrogen“, sagte die Aerzenerin, als unsere Zeitung im Februar 2013 über sie berichtete. „Wir haben Mehrstunden gekloppt ohne Ende. Doch der Zug ist abgefahren.“

Mehrere 1000 ehemalige Mitarbeiterinnen suchten mo- natelang verzweifelt nach einem neuen Arbeitsplatz. Eine davon hieß Langner. Wie sie Jahr 2012 erlebt hat? „Bescheiden“, antwortete sie.

„Wir sind in ein riesengroßes Loch gefallen.“ Die ehemalige Schlecker- Frau hat 14 Jahre lang für die einstige Drogeriekette gearbeitet. Auch im Betriebsrat hatte sie gesessen, ihn 2005 sogar mitgegründet. 187 Mitarbeiterinnen zählte der Schlecker-Bezirk einst, zuletzt waren es noch 47. Viele von ihnen waren auch ein Jahr nach der spektakulären Pleite arbeitslos, auch Langner selbst.

„Ich bin traurig“, sagte sie 2013, „es kommen andauernd nur Absagen, auch von Rossmann und DM.“ Viele der Schlecker-Mitarbeiterinnen hatten gehofft, bei den einstigen Konkurrenten unterzukommen. Doch oft vergebens. „Eine Kollegin hat einen 400-Euro-Job bei Rossmann, die hatte früher eine Schlecker-Filiale geleitet“, sagte die einstige Betriebsrätin.

Zwei der ehemaligen Kolleginnen aus dem Bezirk ließen sich zur Busfahrerin umschulen. „Alle anderen haben ein Bewerbungstraining gemacht, wenn sie das wollten.“ Drei der einstigen 47 hatten bis Februar 2013 einen Job. Eine verheerende Bilanz.

Rund 47 Prozent der ar- beitslos gewordenen 23 400 Schlecker-Mitarbeiter waren damals ohne neue Anstellung. Wer eine Stelle gefunden hatte, kämpfte oft mit widrigen Arbeitsbedingungen: Teilzeit, befristete Arbeitsverträge, schlechte Bezahlung. Langner selbst ließ sich damals umschulen. Sie hoffte, einen Job als Alltagsbetreuerin für Menschen mit Demenz zu bekommen. Die Idee kam vom Arbeitsamt. „Der Einzelhandel ist für mich durch.“

Und wie geht es hier heute? „Mir geht es gut“, sagt Langner. „Den meisten geht es gut.“ Sie habe die Umschulung erfolgreich absolviert und arbeite seither gern in ihrem Job.

„Ich bin froh darüber“, sagt sie. Untergekommen ist sie bei einem Unternehmen in Hessisch Oldendorf, dort ist sie ambulant zuständig für Senioren. Derzeit noch auf 450-Euro-Basis, aber ab 1. Dezember in Vollzeit. Langner fühlt sich wohl in ihrem neuen Job. Und es geht nicht nur ihr so.

Langner sagt, dass viele der zuletzt 47 Schlecker-Mitarbeiterinnen mittlerweile neue Jobs hätten. Die meisten von ihnen arbeiten demnach weiterhin im Einzelhandel, „eine bei Jibi, eine bei Bon-Brix, eine bei Penny“. Eine der beiden Frauen, die einst zur Busfahrerin umschulten, gehe sogar richtig in ihrem neuen Job auf. „Die ist schon immer gern Auto gefahren, heute fährt sie Bus“, sagt Langner. Hin und wieder trifft sie sich noch mit ehemaligen Kolleginnen vom Schlecker-Betriebsrat. Auch über Anekdoten von einst reden sie dann noch, heute lachen sie sogar über die alten Geschichten.

Klar, die Insolvenz damals, „das ist blöd gelaufen“, sagt Langner. Doch weil sie und viele ehemalige Kolleginnen mittlerweile wieder arbeiten, sitzt der Frust längst nicht mehr so fest. Kurz nach der Insolvenz hatte Langner noch gesagt: „Wir Schlecker-Frauen geben nicht auf.“ Sie hat recht behalten.



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