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Die wechselvolle Geschichte des einstigen Kaufhauses Bernstein am Münsterkirchhof 13

Vorbild war das KaDeWe in Berlin

Wie kaum ein anderes Hamelner Gebäude ist das Haus Münsterkirchhof 13 von den Wechselfällen der jüngsten Geschichte geprägt. Karl Bernstein hatte das Geschäftshaus von seinem Vater Kusel geerbt. Sein „Kaufhaus 1. Ranges für sämtliche Manufakturwaren“ bot ein umfassendes Sortiment an Damen-, Herren- und Kinder-Konfektion, Gardinen, Teppichen, Tischdecken, Betten und Aussteuer-Artikeln.

veröffentlicht am 17.06.2013 um 06:00 Uhr

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Autor:

Bernhard Gelderblom

Kaufhäuser entstanden Ende des 19. Jahrhunderts. Sie waren auf das Käuferpotenzial der wachsenden Städte gerichtet und machten Luxusgüter auch für das aufstrebende Bürgertum bezahlbar. Ein rascher Umsatz ermöglichte niedrige Festpreise. Werbung und saisonale Sonderangebote („Billigpreistage“, Schlussverkäufe) gehörten zum Konzept.

Noch vor dem Ersten Weltkrieg baute Karl Bernstein das ursprünglich zweistöckige Haus modern und großzügig über vier Stockwerke aus. Vorbild war die großstädtische Kaufhausarchitektur, beispielhaft das Berliner „Kaufhaus des Westens“ (KaDeWe) von 1907.

Während bei der Konstruktion der Warenhäuser schon früh moderner Eisenskelettbau verwendet wurde, hielten die Architekten beim Fassadenaufriss am Bild eines mehrgeschossigen Wohnhauses fest. So glichen die Obergeschosse Wohnetagen, während das Erdgeschoss mit großen, ungeteilten Schaufernstern ausgestattet war. Neu, modern und attraktiv sollte das Warenhaus aussehen, allerdings durch Verwendung traditioneller, heimischer Formen beim Käufer Vertrauen schaffen.

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  • Das „Haus der Heimatkunst“ der „Kultur-Heimatgemeinschaft Bückeberg e.V.“ in einer Zeichnung aus dem Jahre 1941 Quelle: „Der Klüt“, 1941, S. 4
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  • Der 1965 eingeweihte Neubau in der allzu nüchternen Formensprache der 1960er Jahre. bg

Von der Innenraumgestaltung, die zum Schauen und Schlendern einladen sollte, wissen wir wenig. Auf zwei durch eine breite Treppe verbundenen Etagen verkauften zehn bis zwölf Angestellte. Mit seinem vergleichsweise billigen Angebot zog Karl Bernstein viel Kundschaft aus den westlich von Hameln liegenden Dörfern an.

Die Hass-Propaganda der Nationalsozialisten zielte besonders auf die jüdischen Kaufhäuser. Die „Boykottaktion“ vom 1. April 1933 traf in Hameln auch das Bernsteinsche Geschäft. Eine Frau fotografierte Personen, die das Geschäft betraten. In der Nacht wurden Schaufensterscheiben zerschlagen. Während die meisten jüdischen Geschäftsinhaber in Hameln wegen der dramatischen Umsatzrückgänge aufgeben mussten, ließ sich Karl Bernstein nicht einschüchtern. Offenbar hielt ihm besonders die Dorfkundschaft die Treue.

In der berüchtigten „Pogrom“-Nacht des 9. November 1938 zündeten Hamelner Nationalsozialisten nicht nur die Synagoge an, sondern plünderten auch das Bernsteinsche Geschäft. Auf dem Münsterkirchhof loderte ein nächtliches Feuer. Am nächsten Morgen transportierten Autos das umfangreiche Warenlager ab. Ein von den NS-Behörden eingesetzter „Treuhänder“ verkaufte die Textilien an Hamelner Einzelhändler. Unter Aufsicht der Kreissparkasse Hameln wurde das Geschäft zwangsliquidiert.

Die für Oktober 1939 geplante Auswanderung der Eheleute Bernstein nach Chile scheiterte im letzten Moment. Beide wurden ins Ghetto Riga deportiert. Paula Bernstein starb dort am 18. August 1942. Ihr Mann gilt als verschollen. Ausgerechnet die nationalsozialistische „Kultur-Heimatgemeinschaft Bückeberg e.V.“ übernahm das Haus 1939 und errichtete darin ein „Haus der Heimatkunst“. Dort wurden handwerklich hergestellte Artikel ausgestellt.

In den letzten Kriegstagen, als die Stadt Hameln wider alle Vernunft verteidigt wurde, zerstörte Artilleriebeschuss der US-Truppen das Haus. Es gibt allerdings Hinweise, dass ebenso wie die Weizenmühle auf dem Werder auch dieses Haus von den Nationalsozialisten in Brand gesteckt worden ist.

Bis in die 1960er Jahre prägte die hässliche Ruine die Häuserfront am Münsterkirchhof. 1965 weihte die Allianz den Neubau eines Wohn- und Geschäftshauses ein, der alle Erinnerung an das Manufakturwarengeschäft Bernstein getilgt hat.

Am Mittwoch, 19. Juni, um 15 Uhr findet auf dem Münsterkirchhof die Einweihung eines Modells des Hauses statt, das Jugendliche der Arbeits- und Qualifizierungsgesellschaft Impuls gebaut haben.

Weitere historische Fotos unter zeitreise.dewezet,de



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