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Der Prügelknabe

Vor hundert Jahren: Rasputin stirbt bei einem Attentat

Dass er Einfluss auf den Zaren haben würde, wird ihm nicht in die Wiege gelegt, denn in seinem sibirischen Dorf gilt Rasputin als Tunichtgut. Er stiehlt, er trinkt und wird mehrfach angezeigt. Irgendwann wendet er sich dem Glauben zu, wandert von Kloster zu Kloster. 15 Jahre lang. Er will Näheres zu Religionen lernen, er ist auf der Suche nach Erleuchtung und Wahrheit. Grigori Jefimowitsch Rasputin wird am 21. Januar 1869 als Sohn eines Bauern geboren, Lesen und Schreiben bringt er sich selbst bei, nach seiner Wanderzeit zieht es ihn 1903 nach St. Petersburg. Das ist seine Geschichte.

veröffentlicht am 19.12.2016 um 07:21 Uhr

Zeitgenössische Aufnahme des russischen Mönchs und angeblichen Heilers Grigori Jefimowitsch Rasputin. Ab 1907 lebte er am russischen Zarenhof und hatte großen Einfluss auf das Zarenpaar. Foto: dpa
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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite

Berühmt wird Rasputin, weil er an den Zarenhof gerufen wird; in der Hoffnung, die Blutungen des an Hämophilie leidenden Zarensohns Alexei durch Gebet zum Stillstand zu bringen. Rasputin betet, Rasputin segnet das Zimmer, der Junge gesundet. Zarin Alexandra ist überzeugt, dass Rasputin ein Heiliger ist, der ihr von Gott geschickt wurde; Gottes Antwort auf ihre leidenschaftlichen Gebete.

Weil in der Öffentlichkeit niemand von der Erkrankung des Zarensohnes weiß, ist das Ansehen des „ungebildeten Bauerns Rasputin“ bei der Zarenfamilie nicht nachvollziehbar. Es gibt Klatsch, es gibt Verleumdungen, es gibt Vorwürfe über einen unmoralischen Lebenswandel mit permanenten Sexorgien.

Am 29. Juni 1914 wird Rasputin bei einem Angriff mit einem Dolch in seinem Geburtsort Pokrowskoje schwer verletzt. Nach diesem Attentat beginnt er sich öffentlich zu betrinken – und so gibt es im Winter 1915 einen landesweiten Skandal, weil die Presse landesweit berichtet.

Auch werden seine Besuche bei Prostituierten immer häufiger, was vom Staatssicherheitsdienst protokolliert und dann in den Salons breitgetreten und ausgeschmückt wird.

Während des Ersten Weltkrieges zeigt sich nach anfänglichen militärischen Erfolgen, dass das damalige Russland mit seinem unmodernen Militär, schwach ausgebauten Eisenbahnsystem und seinem gering entwickelten Industriesektor der deutschen Militärmacht nicht gewachsen ist. Ein Schuldiger muss her für die militärischen Niederlagen, und so wird Rasputin zum Sündenbock für die katastrophale Lage des russischen Reiches: Zwei Millionen Tote, vier Millionen Verletzte, keine Perspektive. So haben es sich die Politiker in ihrer anfänglichen Kriegsbegeisterung nicht vorgestellt; man sucht die Schuld bei dunklen Kräften und Spionen: Rasputin soll weg. Rasputin selbst wird am Tag des Attentats noch telefonisch gewarnt. Auch der britische Geheimdienst weiß genau Bescheid. Das bevorstehende Attentat ist Gesprächsstoff für weite Teile der St. Petersburger Gesellschaft.

Die geläufige Hergangsbeschreibung des Mordes basiert auf der Beschreibung der Tat durch den Attentäter Jussupow, den Rasputin selbst als Freund betrachtet. So habe Rasputin Unmengen von mit Zyankali vergiftetem Kuchen und Madeirawein vertilgt, ohne sich daran zu vergiften. Anschließend habe man ihm dreimal in die Brust geschossen und ihn sterbend zurückgelassen. Als er es jedoch schaffte, sich trotz seiner schweren Verletzungen auf den Innenhof des Palastes zu schleppen, wurde er als letzte Maßnahme im eiskalten Wasser eines Flusses versenkt, wo er endgültig verstarb.

Aufgrund der Obduktion Rasputins ergeben sich andere Fakten. Der Körper zeigt Folgen schwerer Misshandlung.

Die Mörder Rasputins werden schnell gefunden; sie gehen jedoch aufgrund massiven Drucks wesentlicher Teile des Romanow-Clans weitgehend straffrei aus. Für die Bauern, die mehr als drei Viertel der Bevölkerung ausmachten, ist Rasputin einer der ihren, der nun von den Adligen ermordet wurde, ohne dass der Zar die Schuldigen bestraft. Die Autorität des Zaren bei den Bauern leidet gewaltig: Er ist nicht mehr der Vater der russischen Bauern, sondern mehr ein Vertreter des russischen Adels, der einen der ihren ermordete. Und schließlich macht im mystischen Russland noch die Warnung die Runde, welche Rasputin gegenüber der Zarenfamilie oft ausgesprochen hat und die in größeren Kreisen bekannt ist: „Wenn ich sterbe oder wenn Ihr mich fallen lasst, werdet Ihr Euren Sohn und die Krone verlieren, bevor sechs Monate vergangen sind.“

So kommt es, und der Weg wird schmerzvoll. Nur zehn Wochen nach Rasputins Tod bricht die Revolution in Russland aus und der Zar muss abdanken. Anderthalb Jahre später wird die gesamte Zarenfamilie von den Bolschewiki ermordet.

Man habe ihren Vater, schreibt Maria Rasputin später, einen „Mädchenschänder“, „Spion“, „heiligen Teufel“ und „Pferdedieb“ genannt. Tatsächlich sei er ein „Prügelknabe“ gewesen.

Für andere.



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