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Gab es den Webergesellen Heinrich wirklich? / Er soll an der Aerzener Pöhlenstraße gewohnt haben

Von Zwergen, goldenen Kugeln und Gerüchten

Sabine Brakhan

veröffentlicht am 04.05.2012 um 06:00 Uhr

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Aerzen. Aus Holz geschnitzte Tafeln weisen an den Ortseingängen von Aerzen auf die sagenhafte Geschichte des Ortes hin. Bittere Armut, große Liebe und heldenhafter Mut sind der Stoff, aus dem vor Jahrhunderten Geschichten entstanden, so wie jene Sage von den Zwergen im Lüningsberg und ihrer Geisterkegelbahn: Vor langer Zeit sollen Zwerge oder Geister – das weiß man heute nicht mehr so genau – nachts im Aerzener Lüningsberg auf einer Waldwiese gekegelt haben – und zwar mit goldenen Kegeln und Kugeln. Den Erzählungen der Alten zufolge trieben sie ihr Spiel lange Zeit, ohne dass sie dabei gestört wurden. Niemand hatte sich nachts in den Wald getraut, um das geheimnisvolle Spiel zu beobachten. Die Angst unter der Bevölkerung war zu groß. Bis der Webergeselle Heinrich nach langen Wanderjahren in seine Heimat zurückkehrte. Er verliebte sich sofort in die hübsche Müllerstochter Anna. Das Paar wollte heiraten, war aber zu arm, um einen eigenen Hausstand zu gründen. Da kam dem jungen Mann in der Not ein rettender Gedanke: Er machte sich auf den Weg in den sagenumwobenen Wald, um sich eine goldene Kugel von den Zwergen zu holen. Als er nach einem längeren Fußmarsch eine Waldwiese erreichte, musste er schnell hinter einem Busch in Deckung gehen, um nicht entdeckt zu werden. Sah er doch aus seinem Versteck, wie die Zwerge im hellen Mondschein die goldene Kugel über den Rasen rollen ließen, den glänzenden Kegeln entgegen. Plötzlich katapultierte ein schwungvoller Wurf die goldene Kugel direkt in den Busch, hinter dem sich Heinrich versteckt hatte. Ein Griff – und er hielt den kostbaren Schatz in seinen Händen. „Anna, ich habe sie!“, jubelte er aufgeregt, vergaß alle Vorsicht und lief so schnell er konnte aus dem Wald in Richtung Dorf. Die Zwerge, die seinen Schrei gehört hatten, verfolgten den jungen Mann. Sie kamen ihm sogar so nahe, dass er ihr Keuchen deutlich hören konnte. In seiner Hast verfehlte er den Baumstamm, der als Brücke über die Humme diente, und sprang in den Bach. Das rettete ihm das Leben, denn ins Wasser konnten ihm die Zwerge nicht folgen. Angeblich reichte ihre Macht nicht so weit.

Nachdem sich Heinrich vergewissert hatte, dass ihm niemand mehr folgte, eilte er mit seiner Beute zu Anna und sie fielen sich erleichtert in die Arme. Nun konnten die beiden heiraten. Von dem Erlös der Kugel kauften sie ein altes Haus in der Pöhlenstraße, ließen es abbrechen und bauten ein neues, in dem sie glücklich bis an ihr Ende lebten.

Der Webergeselle, der den Diebstahl begangen hatte, verfügte der Sage zufolge über einen erstklassigen Leumund und wurde als „keckes, junges Blut mit einem wackeren Herzen und einer treuen Seele“ beschrieben. Da die angebliche Tat schon mehrere Jahrhunderte zurückliegt, ist sie längst verjährt. Das würde sicher auch der ehemalige Aerzener Advokat und Dichter Karl Wilhelm Günther Nicol (1806 bis 1858) bestätigen, in dessen Buch „Erzählungen aus Niedersachsen“ die Sage vom Lüningsberg im Jahr 1858 erstmals veröffentlicht wurde.

In der Pöhlenstraße gibt es zwei Häuser, denen nachgesagt wird, ein jedes sei das Gebäude, das einst von Heinrich und Anna bewohnt wurde. Während alte Aerzener das Fachwerkhaus mit der Hausnummer 9 favorisieren, hat die Hannoversche Presse in ihrer Ausgabe vom 10./11. Mai 1958 nicht gerade hieb- und stichfest recherchiert, dass es das Nachbarhaus gewesen sein müsse, da es sich beim damaligen Besitzer, dem Postbeamten i. R. Hermann Specht handelte, der ein direkter Nachfahre jenes Handwerkers gewesen sein soll. Sein Sohn mit gleichem Namen, heutiger Besitzer des Hauses Pöhlenstraße 11, berichtet hingegen, dass sein Großvater das Haus erst um die Jahrhundertwende käuflich erworben habe.

Von den Zwergen im Lüningsberg berichtet die Sage, sie hätten nach dem Diebstahl ihr Kegelspiel aufgegeben und seien aus dem Walde verschwunden. Unweit der beiden möglichen Häuser, in denen Heinrich und Anna gelebt haben sollen, findet man in der Pöhlenstraße einen Hinweis auf die Sage. Das Mosaik am Gebäude der ehemaligen Schule, die heute als Kindergarten genutzt wird, löst sich Stück für Stück von der Wand. Einzig die Kugel in der Hand des Webergesellen und die glänzenden Kegel scheinen dem Zahn der Zeit zu trotzen und auf magische Weise mit der Wand verankert zu sein. Am Brunnen im Goldschlag, der ebenfalls an die Sage vom Lüningsberg erinnert, ist – wie in der Erzählung auch – die Kugel seit geraumer Zeit verschwunden. Aber dafür sieht man neuerdings wieder suchende Menschen in den Lüningsberg gehen. Allerdings sind sie nicht, wie einst Heinrich, mit einer großen Portion Mut ausgestattet, sondern mit einem Navigationsgerät. Es sind Geocacher, die dort ihrem Spiel nachgehen.



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