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Über den Sinn und Unsinn des Reisens

Von Welsede bis Westpapua

Und? Wohin geht’s in den Urlaub? Fragt der Friseur. Und die Nachbarin. Und der Zahnarzt. Und vorher schon die Zahnarzthelferin. Im vergangenen Jahr ging es gar nicht weit weg: nur ein bisschen Camping am See. Ganz in der Nähe. Im Grunde fuhren wir gar nicht weg. So machte es für uns Sinn, da hatten wir Lust drauf. Die Reaktionen sahen aber eher so aus, als hätten wir gerade den Hund eingeschläfert: lächeln, aufmuntern, Thema wechseln. Denn die Urlaubsreise ist Passion, Grundbedürfnis, ach was: Menschenrecht.

veröffentlicht am 14.07.2018 um 10:18 Uhr

Illustration: cn
Frank Henke

Autor

Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite

„Mal raus müssen“ und „mal was anderes sehen“ ist offenbar genauso grundlegend und unverhandelbar wie zum Beispiel „mal frische Luft reinlassen“ oder „mal ausschlafen“. Wer darauf verzichtet – ob freiwillig oder gezwungen – verdient tiefes Mitgefühl.

Allein: Die Auffassung, wie geurlaubt werden sollte (das Verb „urlauben“ steht tatsächlich im Duden), unterscheidet sich schon sehr. Kürzlich verkündete Annabel Dillig im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“, dass sie fortan keine Touristin mehr sein wolle. „Denn egal, wie man Urlaub macht – man kommt aus dem Dilemma nicht heraus, Teil eines Problems zu sein, das sich ,Tourismus‘ nennt“, schrieb sie und weiter dann von den „fatalen Folgen, für Umwelt, Klima und die Menschen vor Ort“. Klar, da ist natürlich einiges dran. Und noch klarer: Das will niemand hören. Erst recht nicht in den Sommerferien. Ich auch nicht – in diesem Jahr ist der Flug schließlich längst gebucht. Aber natürlich wissen wir: Wer Tourist ist, zerstört. Wer in den nächsten Wochen eine Touristenmetropole wie Rom besucht, darf sich nicht drüber wundern, dass er vielleicht nicht einem einzigen echten Römer begegnet – er ist schließlich selbst keiner. Wo der Tourist auf seiner Suche nach Ursprünglichkeit und Idylle hinkommt, nehmen sich genau diese zwei bei den Händchen und machen sich ganz fix aus dem Staub. Tragisch, aber nicht neu. Trotzdem wäre es Quatsch, Urlaub oder gar das Reisen generell zu verteufeln. Nein, ich gehe sogar so weit: So einige Leute reisen viel zu wenig! Es muss ja nicht nach Bali oder Westpapua sein. Für viele Reisen müssen noch nicht mal allzu viel Geld oder Zeit her, noch muss viel CO2 in die Luft gepustet werden. Ein paar Beispiele:

Wer schon immer meinte, alles gesehen zu haben, alles auswendig zu kennen im Umkreis von – sagen wir mal – 30 Kilometern, der kann schon auf einer Tagesreise neue Eindrücke sammeln: vielleicht mit dem Kanu nach Rinteln, zu Fuß in die nächste Stadt oder wenigstens mit dem Fahrrad nach Tündern. Völlig neue Blickwinkel werden sich auftun – und zwar ziemlich reizvolle.

Und wer sich generell ganz sicher ist, dass alles den Bach runtergeht in Hameln, in Deutschland, – ach – in der ganzen Welt, der möge sich einen stillen Platz am Fluss suchen, vielleicht für ein Wochenende auf einem der Weser-Campingplätze. Und dann? Dem Wasser beim Fließen zuschauen. Einfach mal – umgeben von schmucken Caravans und kostspieligen Wohnmobilen – zusehen, wie sich ein (doch ziemlich) sauberer Fluss durch üppige Wiesen und Felder schlängelt. Und alles gemeinsam singt das Lied: So übel geht es uns nun wirklich nicht.

Generell wünsche ich aber trotzdem jedem, wenigstens hin und wieder mal im nicht deutsch sprechenden Ausland zu weilen. Jeder Mensch verdient schließlich das Erlebnis, im Supermarkt selbst herausfinden zu müssen, was „fettarme Milch“ auf Dänisch heißt oder „Butter“ auf Portugiesisch. Sie spüren dabei ein Kitzeln an den Schläfen? Das ist der sich weitende Horizont.

Ich könnte nun – denn Urlaubstage sind knapp – noch manche ganz kleine Reise empfehlen: Der Kurzurlaub in diesem einen etwas abgelegenen italienischen Restaurant oder an dem kleinen See, der einen kurz glauben lässt, man sei in Schweden. Aber solche Tipps gebe ich natürlich nur persönlich. Sonst verlieren diese Orte noch ihre ganze Ursprünglichkeit …



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