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Ende September Filmvorführungen auf dem Tönebönplatz

Von New Jersey nach Hameln: Die Geschichte des Autokinos

Leipzig hat eins, Rügen auch und in Berlin gibt es sogar zwei – um die 20 regelmäßige Autokinos gibt es derzeit in Deutschland. Ende September wird nun auch eines in Hameln stattfinden, organisiert von der Dewezet und unterstützt von mehreren Sponsoren. Eine gute Gelegenheit, um die Geschichte der Autokinos einmal näher zu betrachten.

veröffentlicht am 09.09.2018 um 13:00 Uhr

Oldtimer gehören bei Besuchen in Autokinos schon wegen des Nostalgie-Faktors dazu. Foto: dpa

Der Geburtstag des Autokinos lässt sich exakt datieren: Am 6. Juni 1933 fand in Camden, im US-Bundesstaat New Jersey die erste Autokino-Vorführung statt. Der Geschäftsmann und Filmfan Richard M. Hollingshead hatte sich die Idee wenige Jahre zuvor patentieren lassen. So lautet der Gründungsmythos: Hollingshead, eigentlich Betreiber eines Ladens für Farben, Lacke und Autopflegemittel, soll eines Abends spontan auf die Idee gekommen sein, ein Laken in den Bäumen vor seinem Haus aufzuspannen und mittels eines Projektors auf seinem Autodach einen Film darauf zu projezieren. Nachdem er lange mit Bild- und Tonqualität experimentiert und das Patent angemeldet hatte, flimmerte am 6. Juni schließlich der erste Film über die Leinwand, die britische Komödie „Wives Beware“, die eigentlich den Titel „Two White Arms“ trägt. Den Film kennt heute fast niemand mehr und auch das erste Autokino musste bald wieder schließen. Zu heftig hatten sich Anwohner über den Lärm beschwert, denn der Ton kam zunächst noch aus einer Lautsprecheranlage. An der Stelle, an der sich das Kino in Camden befand, erinnert heute eine Gedenkplatte an diese Episode der Stadtgeschichte.

Auch wenn die Idee eines befahrbaren Kinos in Camden nicht erfolgreich war, wurde sie in den USA rasch dutzendfach kopiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es einen regelrechten Boom von Autokinos in den Vereinigten Staaten. Über 4000 Stück entstanden, über das ganze Land verteilt. Und auch die Technik entwickelte sich weiter: Aus den Zentrallautsprechern wurden kleine, die einfach ins Autofenster gehängt werden konnten. Später wurde der Ton auch direkt über das Radio übertragen, so wie es heute noch üblich ist.

In Deutschland erlebte das Autokino im Jahr 1954 eine eher unrühmliche Premiere. Bei einer Probevorführung in Erlangen kam das Konzept nicht richtig an: Die Besucher stiegen einfach aus ihren Autos aus und verfolgten die Filme – den Heimatfilm „Schloß Hubertus“ und die Dokumentation „Der goldene Garten“ – von der Wiese aus. Danach sollte es noch sechs Jahre dauern, bis das Autokino sich auch in der Bundesrepublik Deutschland etablierte. Den Anfang machte am 29. März 1960 das kleine Örtchen Gravenbruch südlich von Frankfurt am Main. Bei der ersten Vorführung wurde der Spielfilm „Der König und ich“ mit Yul Brynner gezeigt. Das Autokino Gravenbruch war das erste in Deutschland und nach Castelfusano bei Rom (1957) das zweite in Europa. Auch heute noch werden dort das ganze Jahr über Filme gezeigt. Auf Gravenbruch folgten bis zum Beginn der 1970er dutzende weitere Autokinos, in der Spitze sollen es über 40 gewesen sein. Mittlerweile hat sich die Zahl der regelmäßig stattfindenden Autokinos bei etwa der Hälfte eingependelt. Diese Art des Filmeschauens erfreut sich aber wieder wachsender Beliebtheit. Unter allen Kino-Sonderformen (Filmfeste, kommunale oder Uni-Kinos) verbuchten die Autokinos bei Besucherzahlen und Umsatz 2017 das deutlichste Plus, wie aus Zahlen der Filmförderungsanstalt FFA hervorgeht. Bei den Tickets gab es mit 313 445 einen Zuwachs von 15,2 Prozent. Der Bruttoumsatz kletterte sogar um 20,5 Prozent auf gut 2,6 Millionen Euro.

Hameln ist nun auch bei diesem Trend dabei, vom 27. bis zum 30. September werden auf dem Tönebön-Platz insgesamt sechs Filme gezeigt. Das Autokino in der Rattenfängerstadt ist eine Premiere, bis 1997 mussten die Hamelner jedoch nicht allzu weit fahren, um im Auto sitzend Filme zu sehen: Im August 1997 fand die letzte regelmäßige Vorführung auf dem Messegelände in Hannover statt, 14 Jahre später gab es ein kurzes Comeback. Auch in diesem Jahr kehrte das Autokino in die niedersächsische Landeshauptstadt zurück, allerdings an einem anderen Ort: An drei Abenden im Mai wurden auf dem Schützenplatz sechs Filme gezeigt – darunter der Klassiker „Grease“. Im Kult-Musical von 1978 mit John Travolta und Olivia Newton-John in den Hauptrollen gibt es sogar eine Szene, die in einem Autokino spielt. Der von Travolta dargestellte Danny Zuko wird dort von seiner Sandy sitzen gelassen und bleibt traurig singend zurück: „Ich bin im Autokino gestrandet – was werden die wohl am Montag in der Schule dazu sagen?“ In Hannover sorgte das Autokino aber nicht für Traurigkeit und soll mit großer Wahrscheinlichkeit im nächsten Jahr erneut stattfinden. Bevor es soweit ist, steht nun allerdings erst einmal Hameln auf dem Veranstaltungsplan.

Information

Autokinos in Deutschland

Im Gegensatz zu den USA waren Autokinos in der Bundesrepublik Deutschland nie ein Massenphänomen. In Hochzeiten gab es 40, heute sind es 20 regelmäßig stattfindende Autokinos, einige davon zeigen sogar das ganze Jahr über Filme:

  • Ahlbeck (Heringsdorf), Mecklenburg-Vorpommern, Sommersaison.
  • Aschheim bei München, Bayern, hat das ganze Jahr geöffnet.
  • Berlin, Berlin Schönefeld, neben dem Flughafen, Winterpause.
  • Berlin-Wedding – Autokino auf dem Zentralen Festplatz neben dem Flughafen Tegel, Winterpause
  • Essen-Bergeborbeck, NRW, hat das ganze Jahr geöffnet
  • Georgsmarienhütte, Niedersachsen (Temporäres Autokino im Juli auf dem Veranstaltungsgelände „Potthoffs Feld“ im Oeseder Zentrum).
  • Geyer, Sachsen, von März bis November.
  • Hückelhoven, NRW (mobiles Autokino auf dem Gelände der Grube Sophia-Jacoba. Jedes Jahr nur temporär geöffnet)
  • Köln-Eil, NRW, hat das ganze Jahr geöffnet.
  • Kornwestheim bei Stuttgart, Baden-Württemberg, hat das ganze Jahr geöffnet
  • Koserow (Usedom), Mecklenburg-Vorpommern, Sommersaison.
  • Krüden, Sachsen-Anhalt.
  • Langenhessen, Sachsen (an der Koberbach Talsperre), von März bis November.
  • Leipzig, Sachsen, von März bis November.
  • Minden, Niedersachsen (Temporäres Autokino im September)
  • Neu-Isenburg (Gravenbruch) bei Frankfurt am Main, Hessen, hat das ganze Jahr geöffnet.
  • Neustrelitz, Mecklenburg-Vorpommern (organisiert vom Moviestar am Kühlhausberg).
  • Prora/Binz (Rügen), Mecklenburg-Vorpommern, Winterpause.
  • Völklingen, Saarland (mobiles Autokino, jedes Jahr nur temporär geöffnet).
  • Würzburg, Bayern (Temporäres Autokino im Oktober auf Dallenberg Bad Parkplatz).
  • Zempow, Brandenburg, von März bis November.

dpa/nt



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