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Der Vorsitzende des Philologenverbandes in Hameln zum Dauerstreit über die Arbeitszeit der Lehrer

Von Klassen-Kampf kann keine Rede sein

Die Medien haben in den letzten Wochen mehrfach zum Thema der zurzeit an rund 70 Prozent der niedersächsischen Gymnasien nicht mehr stattfindenden Klassenfahrten berichtet.

veröffentlicht am 22.11.2014 um 06:00 Uhr

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Autor:

Peter Albrecht

Dass die Lehrer, die in der Vergangenheit bereit waren, Klassenfahrten gerne und schon immer auf freiwilliger Basis durchzuführen, vom Land Niedersachsen genötigt wurden und immer noch werden, eine Reisekostenverzichtserklärung im Vorfeld zu unterschreiben, bleibt allerdings meist ebenso unerwähnt wie die willkürliche Entscheidung der Landesregierung, einseitig nur die Arbeitszeit der Gymnasiallehrer zu erhöhen.

Wer vor dem Hintergrund der politischen Zielsetzung der indirekten Zerschlagung der Gymnasien durch das neue Schulgesetz, das 2015 in Kraft treten wird, immer geringeren Leistungsanforderungen und öffentlicher Herabsetzung aller Lehrer an Gymnasien hierbei Böses denkt, ist ein Schelm. Den Lehrern wird unterstellt, dass ihnen die private Seite der Schüler egal sei, weil man durch den Verzicht auf die Klassenfahrten auf die Möglichkeit der außerschulischen Kontakte verzichtet. Hierbei werden die zahlreichen Aktivitäten vergessen, mit denen sich viele Lehrer zum Wohle der Schule einbringen. Da sind Konzerte, Sportfeste, Wandertage und vieles mehr zu nennen. Wer zur allgemeinen Lehrerschelte auch noch die doch durch Leistungsüberprüfungen so stark beanspruchten Schüler bemitleidet, sollte seinen geografischen Horizont erweitern, indem er sich in den Schulen unserer europäischen Nachbarn einmal umschaut und dort Schulsysteme vorfindet, deren Leistungsdruck weit über dem hierzulande liegt.

Schulsystem muss leistungsstark bleiben

Wir Deutschen als wissensbasierte Wirtschaftsmacht müssen alles daransetzen, unser Schulsystem weiterhin leistungsstark zu gestalten, damit wir auch in Zukunft auf dem globalisierten Weltmarkt unsere führende Stellung halten können.

Und dazu gehört ein forderndes und förderndes Gymnasium mit Lehrern, deren tägliche Arbeit anerkannt wird. Wer kann schon wirklich beurteilen, was es heißt, mehrere Stunden täglich in mindestens zwei Fächern vor höchst heterogenen Lerngruppen zu stehen, Unterricht vorbereiten zu müssen, Elterngespräche zu führen und letztendlich tägliches Vorbild sein zu müssen.

Wer den Lehrern an Gymnasien indirekt unterstellt, sie hätten im Vergleich zu anderen Beschäftigten übermäßig viele Ferien, sollte sich fragen, wann denn kurz vor den sogenannten Ferien terminierte Klausuren und Klassenarbeiten korrigiert werden – sicher nicht in einem normalen Arbeitstag von acht Stunden bei gleichzeitigem normalen Unterrichtsgeschehen. Ist der Öffentlichkeit eigentlich bewusst, wie verantwortungsvoll, gewissenhaft und daher zeitintensiv diese Korrekturen erledigt werden müssen, die am Ende über die Zulassung zum Studium entscheiden?

Dem häufig publizierten Vorschlag einer generellen Präsenzpflicht der Lehrer in der Schule von acht Stunden täglich – arbeitet der andere öffentliche Dienst eigentlich noch 40 Stunden in der Woche? –, um die wirkliche Arbeitszeit messen zu können, werden viele Kollegen unter anderem unter folgenden Bedingungen einer Mindestausstattung sofort zustimmen:

1. Nach acht Stunden täglicher Arbeitszeit einschließlich des Unterrichts in der Schule ist Feierabend, ohne Wenn und Aber.

2. Auch während der Abiturzeit muss diese Arbeitszeit eingehalten werden.

3. Periodisch notwendige Überstunden werden bezahlt bzw. auf einem Überstundenkonto festgehalten.

4. Der Schulträger stellt jedem Lehrer den für seine Arbeit notwendigen Arbeitsplatz in der Schule zur Verfügung, einschließlich der technischen Ausstattung wie Bürostuhl, Schreibtisch, PC, persönlichen Literaturbedarf etc.

5. Wie in anderen öffentlichen Verwaltungen ist die Nutzungsmöglichkeit einer sauberen und angemessenen Teeküche zu gewährleisten, um ein Mindestmaß an sozialem Umfeld zu garantieren.

Die berechtigte Kritik der Gymnasiallehrer an der derzeitigen Situation der Gymnasien und ihrer Beschäftigten immer wieder als einen Klassen-Kampf auf dem Rücken der Schüler zu bezeichnen, beweist einmal mehr die bildungspolitischen Defizite der breiten Öffentlichkeit. Die Vertreter der Medien sollten die Lehrer einmal über einen längeren Zeitraum bei der täglichen Arbeit begleiteten. Deshalb der Aufruf an alle Interessierten: Kommen Sie, schauen Sie, staunen Sie, und urteilen Sie dann!



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