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Die Sprache der Setzer – und was sie bedeutet

Von Hurenkindern und Jungfrauen

Aufmerksame Zeitungsleser werden sicher schon oft Bekanntschaft mit ihnen gemacht haben, obwohl Autoren und Schriftsetzer versuchen, sie tunlichst zu vermeiden: Schusterjungen und Hurenkinder. Mit beiden Begriffen sind hier allerdings keine Menschen gemeint, sondern unschöne Satzbilder in gedruckten Texten.

veröffentlicht am 09.01.2015 um 06:00 Uhr

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Autor:

von maike Schaper

Was für die jüngeren Leser wie eine mittelalterliche Gutenberg-Manier erscheint, das liegt noch gar nicht so lange zurück. Noch bis Anfang der 1990er Jahre druckte auch die Dewezet noch auf die traditionelle Weise. Der gewerbespezifische Sprachschatz der Drucker und Setzer umfasst etliche historische und aktuelle Begriffe. Der Begriff Hurenkind ist ein soziolinguistisches Indiz dafür, dass der Beruf des Schriftsetzers über Jahrhunderte ausschließlich von Männern ausgeübt wurde.

Jürgen Seeger war vor seinem Ruhestand langjähriger technischer Leiter der Dewezet-Verlagsgesellschaft und hat selbst mit beweglichen Lettern und selbst gesteckten Schriftsätzen gearbeitet. Heute ist er erster Vorsitzender des Vereins „Die bewegliche Letter – Hamelner Druckerei-Museum“, den es seit 2007 gibt. Die Mitglieder haben sich vorgenommen, die traditionsreiche Vergangenheit der „Schwarzen Kunst“ und damit die Entwicklung des Druckgewerbes nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

„Als Hurenkind bezeichnet der Setzer die letzte, nicht volle Zeile am Ende eines Absatzes, die jedoch am Kopf einer Seite oder am Anfang einer neuen Spalte steht“, erzählt Seeger. Ihm ähnlich ist der Schusterjunge: „So wird die erste Zeile eines Absatzes bezeichnet, wenn sie allein als letzte Zeile einer Buchseite oder einer Spalte steht. Beide gehörten in früheren Zeiten nicht zu den Kindern der feinen Gesellschaft. Man rümpfte über sie die Nase und ließ sie abseits stehen.“

Abgesehen davon, dass Umbruchfehler unästhetisch sind, stören sie den inhaltlichen und formalen Leserhythmus und sollten daher nicht vorkommen. Durch die Wahl geeigneter Typografie, das heißt einer passenden Gestaltung, soll ein Einklang zwischen informativem Inhalt und dem formalen Erscheinungsbild hergestellt werden, um Lesbarkeit und Verständlichkeit zu unterstützen.

Für die Setzer sind sogar Hochzeiten kein Grund zum Feiern. „Hochzeit bezeichnet ein doppelt gesetztes Wort“, erklärt Seeger. „Fehlen hingegen ein oder mehrere Wörter in einem Text, spricht der Setzer von einer Leiche.“ Jungfrauen sind zwar immer gewünscht, aber kommen in der täglichen Praxis recht selten vor. „Der Schriftsetzer bezeichnet so eine fehlerfreie Satzarbeit.“

Von den Angehörigen der Schwarzen Kunst wurde eine sorgfältige Arbeit erwartet, vor allem beim Zurücklegen der ausgedruckten Lettern in den Setzkasten. „Gerät aus Versehen ein Buchstabe in das falsche Fach des Setzkastens, wird er in der Setzersprache als Fisch bezeichnet. Findet man sogar einen Buchstaben aus einer anderen Schriftart im Setzkasten, so bezeichnet man diesen als Zwiebelfisch“, erläutert Seeger.

Eine weitere treffende, aber vulgäre Betitelung fanden die Jünger Gutenbergs – wie sich Drucker und Schriftsetzer nennen dürfen – für Setzer, die in einer engen Gasse Rücken an Rücken oder eben Po an Po an ihren Arbeitstischen standen: Sie bilden zusammen ein Arschgespann.

Wer sich für die Druckkunst interessiert, der hat freitags von 15 bis 18 Uhr sowie samstags von 11 bis 16 Uhr die Gelegenheit, das Druckereimuseum im Hefehof 9 zu besuchen. Im Museum werden mit Maschinen und Geräten die entscheidenden Arbeitsvorgänge der Bereiche Satzherstellung, Druck und binderische Weiterverarbeitung gezeigt, wobei die geschichtliche Entwicklung ebenfalls dokumentiert ist.



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