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Ferien von der Vernunft

Von Horoskopen und anderem Zauber

Es war einmal eine Zeitung – ach, seien wir lieber ehrlich: Es war diese Zeitung. Also noch mal: Diese Zeitung hat kürzlich entschieden, die täglichen Horoskope aus dem Blatt zu werfen. Das hatte zu tun mit internen Abläufen, mit Platz auf den Seiten und auch mit unserer Erwartung, dass zwei Sätze wenig konkrete Tagesprognose pro Sternzeichen von unseren Lesern nicht allzu sehr vermisst würden. Nun – wir lagen falsch. Sehr falsch. Eine Flut von Beschwerden brachte die Horoskope schnell zurück.

veröffentlicht am 15.12.2018 um 07:30 Uhr

Illustration: cn
Frank Henke

Autor

Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite

Mir würde nun bestimmt nie im Leben einfallen, die Morgenrituale unserer Leser infrage zu stellen. Zumal, wenn unsere Zeitung darin eine Rolle spielt. Trotzdem: So ein klitzekleines „Warum?“ blieb dann doch. Denn mal ehrlich: Glaubt tatsächlich jemand an solche Horoskope? Glaubt jemand, dass auf rund ein Zwölftel der Menschheit am vergangenen Donnerstag ein Satz zutraf wie: „Sie brauchen sich zurzeit gar nicht groß anzustrengen und werden Ihre Ziele trotzdem zügig erreichen?“ Unwahrscheinlich. Trotzdem wird’s gelesen. Und von uns – nun auch wieder – gedruckt. Noch einmal: Warum?

Sind wir nicht eigentlich schon viel weiter? So ganz generell. Als Menschheit. Vor mehr als 300 Jahren begann etwas, das wir heute noch als „Aufklärung“ in Ehren halten. Vernunft, Naturwissenschaft, Menschenrechte statt Unvernunft, Hokuspokus und Herrscherwillkür.

Das geht jetzt für immer so weiter, so hofften es die Aufklärer damals, so dachten es lange Zeit wir wohlbehüteten BRD-Kinder: Alles gleitet vernunftgesteuert in eine rosige, aufgeklärte Zukunft. Was bekamen wir stattdessen? Das Internet mit all seinen Blödsinnskommentaren, Diäten gegen Krebs und Leute, die sich als Deutsche vor Fernsehkameras stellen und verkünden, dass sie Autokraten wie Viktor Orbán oder Wladimir Putin für ganz tolle Politiker halten, denn: „Die tun was für ihr Land.“ In Nachbarländer einmarschieren zum Beispiel. Unvernunft, Hokuspokus und Herrscherwillkür.

Ach, ich rede mich in Rage. Und mit unseren Horoskopen hat das nun wirklich nichts mehr zu tun. Denn da geht es doch wohl um ein anderes Phänomen. Nicht um das große Ringen um den richtigen Weg für Land, Kontinent und Planet, sondern eher um ein kleines bisschen Ferien von der Vernunft. Denn immer nur rational – das hält ja kein Mensch aus. Also lassen wir uns zur Entspannung kurz mal gehen.

Mal ignorieren wir für eine Zigarettenlänge oder auch einen unverschämt hochprozentigen Drink lang (beides gleichzeitig geht auch), was wir alles über die gesundheitsschädlichen Folgen solcher Genüsse wissen. Und manchmal – zum Beispiel am Frühstückstisch – blenden wir eben aus, dass es eher unwahrscheinlich ist, dass irgend ein Astrologe tatsächlich aus dem Stand unvorstellbar ferner Sonnen ablesen kann, wie unser Arzttermin heute um 11.15 Uhr laufen wird. Wir glauben halt dran, zumindest so ein bisschen. Weil wir’s gerade möchten. Hat ja auch mal was, so ein klein wenig Magie im Alltag. Kleiner, harmloser Hokuspokus, kein großer, gefährlicher bei dem irgendwann irgendwo Scheiterhaufen brennen. So liegen dann eben auch bei Leuten mit Hochschulabschlüssen manchmal Tarot-Karten im Regal.

Und trotzdem gehen wir nach dem Kartenlegen oder Horoskoplesen wegen der fiesen Rückengeschichte – in der Regel – zum studierten Mediziner, nicht zum Schamanen. Sogar ein OP-Termin an einem Freitag, dem 13., lässt es uns nur ganz kurz schwummerig werden. Wir sind ja aufgeklärte Leute.

Blöd wird es erst, wenn die Angelegenheit aus dem Lot gerät: Wenn schwummerige Gefühle die Gedanken an die ganz kurzen Zügel nehmen. Im Internet kann man immer wieder lesen, wo das hinführen kann: Impfboykott, Verschwörungstheorien, völkisches Geschwurbel – alles sehr gruselig. Ferien ohne Ende sind eben keine Ferien mehr, sondern Ödnis. Das gilt besonders für die Ferien von der Vernunft – und die geistige Ödnis.

Ich glaube übrigens, das möchte ich dann doch klarstellen, überhaupt nicht an Horoskope. Ich glaube eher daran, dass rund um eine dieser unvorstellbar fernen Sonnen ein hübscher violetter Planet kreist. Auf ihm hocken große, glitschige, grüne Monster und lachen sich kaputt. Über Wladimir Putin und Viktor Orbán zum Beispiel.



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