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Geheimnisvolle Vertiefung – „Hohler Weg“ war jahrhundertelang eine Fernverkehrsstraße

Von Hastenbeck bis ins russische Nowgorod

Hameln. Südlich von Hastenbeck zieht sich mitten durch die Landschaft eine 500 Meter lange, acht Meter breite und drei Meter tiefe Rinne. Bewachsen und zu beiden Seiten von Feldern gesäumt, lässt sich weit und breit kein Anzeichen dafür erkennen, dass hier einst ein Fluss das Bodenmaterial abgetragen hat oder der Graben etwa als Hindernis angelegt wurde, um ein Anwesen gegen eventuelle Angreifer zu schützen. Woher aber kommt die Vertiefung?

veröffentlicht am 21.09.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 17.01.2017 um 16:03 Uhr

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Wiebke Kanz

Autor

Wiebke  Kanz Reporterin (in Elternzeit) zur Autorenseite

Im Hamelner Stadtarchiv findet sich die sogenannte Flurnamensammlung des Landkreises Hameln-Pyrmont. So, wie Ortsnamen in früherer Zeit vonnöten waren, um Besitz, Zölle und Rechte genau zuordnen zu können, konnten auch die Besitzverhältnisse nicht bewohnter Gebiete nur durch eine eindeutige Benennung geregelt werden. Die landwirtschaftliche Nutzfläche einer Siedlung, die Wiesen und Lichtungen – die sogenannte Flur – wurde mit Namen versehen, mittels derer sich einzelne Flurstücke eindeutig identifizieren ließen. Über Jahrhunderte hinweg entwickelten sich diese Namen im örtlichen Sprachgebrauch, und so stammen die überlieferten und auch heute noch gebräuchlichen Flurnamen in den meisten Fällen von althergebrachten Lage- oder Nutzungsbezeichnungen wie „Vor den Tränken“ oder „Gänseweide“.

Das Flurstück, auf dem sich der geheimnisvolle Graben südlich von Hastenbeck befindet, trägt den Namen „Hohler Weg“. „Offiziell gehört dieser Teil des Landes zu Tündern, und an der Stelle, an der sich heute der Hohle Weg befindet, verlief – wie der Name vermuten lässt – früher einmal eine Straße“, berichtet Stadtarchivarin Silke Schulte. Auf einem Ausschnitt der im 18. Jahrhundert angefertigten Kurhannoverschen Landesaufnahme ist der Weg eingezeichnet, er führte von Bisperode über Voremberg geradewegs nach Tündern. Vermutlich diente der Weg nicht nur dem örtlichen, sondern auch dem Fernverkehr: Nach Durchquerung der Weser-Furt in Tündern erreichte man bald Groß Berkel am „Hellweg“, einem uralten Fernhandelsweg, auf dem bereits vor 2000 Jahren von der belgischen Nordseeküste bis ins russische Nowgorod Handel mit Salz und Ackerbauprodukten getrieben wurde – und der später zur Bundesstraße 1 wurde.

Was zuerst da war, der „Hohle Weg“ oder die Siedlung Hastenbeck, lässt sich nicht genau bestimmen. Auf mehreren Äckern rund um den früheren Weg südlich des Ortes kam es jedenfalls vermehrt zu Streufunden aus der römischen Kaiserzeit, die in das 1. bis 3. Jahrhundert nach Christus datiert werden können. Ohne Befestigung grub sich der Weg durch jahrhundertelanges Begehen und Befahren, durch Huftritte und Wagenräder immer tiefer in den Boden ein und wurde schließlich zum Hohlweg. Als im 19. Jahrhundert im Zuge einer der ersten groß angelegten Agrarreformen, der „Verkoppelung“, die landwirtschaftlich genutzte Bodenfläche neu verteilt, die heutige geometrische Ackerform und ein neues Wegesystem geschaffen wurde, verlegte man die Trasse ein paar Meter weiter südlich ins ebene Gelände, eben dorthin, wo heute die Kreisstraße 16 verläuft. Der Hohle Weg wurde teilweise verfüllt, ein weiterer Teil als Schießstand weiterbetrieben – und der 500 Meter lange Rest sich selbst überlassen.

Übrigens: Nicht nur südlich des Ortes, auch im Norden von Hastenbeck sowie südöstlich des heutigen Ortskernes verliefen in früheren Zeiten Hohlwege, die auch heute noch teilweise erhalten sind. In den Kurhannoverschen Landesaufnahmen sind sie verzeichnet, sie dienten vermutlich als Wege für die Holzabfuhr aus dem Hastenbecker Holz und für Postkutschen. Die Straßenbezeichnung „Hohle Kuhle“ gibt noch heute Zeugnis von der bewegten Geschichte des Weges.



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