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Chronik einer gescheiterten Selbstzwangsverortung mit Happy End

Von denen – und anderen Denen

Bevor ich diesen Text geschrieben habe, hatte ich einen Abend lang mächtig Bauchweh. Ein bisschen zwickt es immer noch. Denn egal, was ich jetzt schreibe: Es wird das Falsche sein. Jedenfalls für einige von Ihnen. Das passiert mir häufig, und in den letzten Jahren ist es schlimmer geworden. Menschen, die ich lange kenne, reagieren plötzlich irritiert. „Das hätte ich nicht von Ihnen gedacht“, sagen sie, „Sie sind also auch eine von DENEN.“

veröffentlicht am 06.10.2018 um 07:45 Uhr

Illustration: cn
Juni

Autor

Julia Niemeyer Verlegerin / Chefredakteurin zur Autorenseite

Wer diese „Denen“ sind, variiert je nach Gesprächspartner. Fest steht: Die Denen sind die mit der falschen Meinung. Und mit der stehen sie irgendwo im Abseits, zusammen mit sehr vielen anderen Denen, die es ebenfalls noch nicht kapiert haben. Je nach Standpunkt des Kontrahenten liegt das Abseits mal rechts- und mal linksaußen. Die Denen, zu denen ich gehöre, sind Bahnhofsklatscher und besorgte Bürger, Kampf-Emanzen und Bonzentöchter.

Ja, liebe Leserinnen und Leser, Sie haben richtig gelesen: Da steht „Und“ – und nicht „Oder“. Bahnhofsklatscher UND besorgte Bürger. Wenn Sie jetzt verwirrt sind, seien Sie getröstet: Mir geht es genauso. Ich habe mich zwar langsam daran gewöhnt, aufgrund eines einzigen Satzes aus der einen Denen-Population entnommen und postwendend in der nächsten angesiedelt zu werden. So richtig wohl fühle ich mich damit allerdings nicht. Man muss doch schließlich wissen, wo man steht. Gerade heute ist das sehr wichtig. Haltung zeigen und so weiter, Sie wissen schon…

In einer ruhigen Minute habe ich mich deshalb hingesetzt und eine Liste geschrieben. Von Dingen, die ich befürworte, und solchen, die ich ablehne. Mein eigenes Positionspapier. In der stillen Hoffnung, auf diesem Wege ein klareres Bild der Denen zu bekommen, zu denen ich nun tatsächlich gehöre. „Gute Idee!“, sagen Sie jetzt vielleicht und greifen selbst zum Bleistift? Vergessen Sie das lieber ganz schnell wieder. Meine Liste war eine einzige Katastrophe und hat alles nur noch schlimmer gemacht. Aber lesen Sie selbst:

Ich bin gegen offene EU-Außengrenzen UND für die bedingungslose Aufnahme von Flüchtlingen aus Kriegs- und Krisengebieten, zur Not auch ohne gültige Ausweisdokumente. Schwerkriminelle Migranten sollten meiner Meinung nach abgeschoben werden. Wenn es sein muss, auch nach Kabul. UND ich akzeptiere gültige Gesetze, die genau das im Einzelfall verhindern. Ich halte Zuwanderung für notwendig, sinnvoll und (oh oh, jetzt wird es kribbelig) kulturell bereichernd UND erwarte von jedem Zuwanderer Respekt für und Anpassung an unsere gesellschaftlichen Werte und Normen.

Ich verabscheue Sexismus, bin für die Gleichstellung von Mann und Frau, halte sie noch lange nicht für vollzogen UND bin strikt gegen die Einführung von Frauenquoten, die Bevorzugung von Personen aufgrund ihres (weiblichen) Geschlechts und bin überzeugt, dass Frauen viele Benachteiligungen vor allem selbst verschulden. Die Rodung des Hambacher Forstes ist in meinen Augen ein Skandal UND ich finde es widerlich, Polizisten bei ihrer Räumung mit Fäkalien zu bewerfen. Ich bin gegen mehr staatliche Überwachung UND für die schnellere und härtere Bestrafung von Verbrechern. Kinder sollten sich entfalten dürfen UND Disziplin und Anstand lernen. Konsequenter Umweltschutz ist wichtig UND Diesel-Bashing lächerlich. Mindestlohnerhöhung: ja. UND bedingungsloses Grundeinkommen: nein.

Sie sehen: Es ist kompliziert. Wer bin ich und wenn ja, auf welcher Seite? Nachdem die Liste mir bei meiner Selbstzwangsverortung nicht weitergeholfen hatte, unternahm ich einen letzten Versuch und befragte – natürlich! – das Internet. Anhand einiger Dutzend Fragen, die mit Zustimmung oder Ablehnung zu beantworten waren, so versprach mir der Link, sollte ich meine politische Position zweifelsfrei bestimmen können. Sie können sich vorstellen: Ich klickte mit zitternden Fingern. Frage für Frage prüfte ich mich selbst. Bereit, mich dem Urteil vollumfänglich zu unterwerfen und mit Leib und Seele den Denen anzuschließen, die für mich bestimmt sein sollten.

Das Ergebnis war… niederschmetternd. Der kleine rote Punkt, der meine Position im Spannungsfeld zwischen konservativ und progressiv, rechts und links kennzeichnen sollte, lag nahezu exakt am Kreuzungspunkt der beiden Achsen. Ziemlich genau an einem Ort, der in meinen Überlegungen und Grübeleien bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt keine Rolle gespielt, den ich schlicht vergessen hatte: die Mitte.

Plötzlich fühlte ich mich nicht nur innerlich zerrissen, sondern auch sehr einsam. Gibt es überhaupt Denen in der Mitte? Sind sie nicht alle längst ausgewandert, um sich richtigen Denen anzuschließen, die nicht solche Wischi-Waschi-Listen schreiben wie ich? Falls in der Mitte noch Denen übrig sind, hört man in letzter Zeit jedenfalls selten von ihnen. Was natürlich auch daran liegen könnte, dass sie dasselbe tun wie ich: Mal diesen und mal jenen Standpunkt vertreten, je nachdem, worum es gerade geht und auf welcher Seite im konkreten Fall die besseren Argumente liegen. Von außen betrachtet sehen sie dabei genauso aus wie die anderen, die entschlossenen und überzeugten Denen links und rechts, von denen es - scheinbar - so viele gibt. Und die jedes Mal, wenn jemand eine Meinung äußert, die ihnen nicht gefällt, lautstark verkünden (oder im Stillen denken): „Sie sind also auch eine von DENEN!“

Ich fühle mich nun doch einigermaßen versöhnt mit meinem kleinen roten Punkt in der Mitte des Koordinatenkreuzes. Vor allem fühle ich mich nicht mehr so einsam, seitdem mir klar geworden ist, dass nicht jeder von DENEN zwingend einer von denen sein muss.



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