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Warum einige Kinder heute erst „spielen lernen“ müssen

Vom Schweineknochen zur Xbox

Wenn man selbst der Generation angehört, in der man sich mit gleichaltrigen Kindern vor dem Haus traf, um sich bei Hinkekasten, Ballproben und Murmelspielen zu amüsieren, versteht man kaum, wovon die neunjährige Sophie spricht, wenn sie aufzählt, wie sie spielt. „Also, ich habe ein iPad, eine Xbox, eine Playstation, ein Nintendo und natürlich einen PC“, schnurrt sie herunter und ihre Klassenkameraden nicken zustimmend. Als Reaktion auf den fragenden Blick erklären die Mädchen und Jungen nur zu gerne, welche Art von Spielen sie mit den heutigen elektronischen Hilfsmitteln als ihren Zeitvertreib wählen.

veröffentlicht am 23.11.2013 um 00:00 Uhr

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Autor:

von Barbara Jahn-Deterding

Die Antworten auf die Frage, ob sie denn auch andere Spiele kennen, fallen unterschiedlich aus. „Na klar, Kettenfangen, Königsfrei, Verstecken und Fußball“, antwortet Marcel prompt. „Reden wir hier über Brettspiele“, möchte hingegen Charlotte geklärt haben, um dann fortzufahren: „Da kenne ich viele Spiele, zum Beispiel Schach, Dame, Monopoly und Mensch ärgere Dich nicht.“ Das kenne sie auch und „das spiele ich immer mit meiner Familie“, erzählt Khadije. Die beiden Mädchen zählen an ihrer Grundschule eher zu den Ausnahmen. „Wir bieten regelmäßig eine Spiele-Arbeitsgemeinschaft an, denn viele unserer Schüler kennen von zu Hause keine Gesellschaftsspiele. Die Jungen und Mädchen lernen in der AG Spiele kennen und einige Kinder müssen sogar lernen, zu spielen“, erklärt Svenja Beißner. Für die Grundschullehrerin ist es dabei nicht nur wichtig, dass die Kinder die Spielregeln akzeptieren, sondern auch das Verlieren lernen und damit Enttäuschung auszuhalten.

„Dass Spielen lernen Mädchen und Jungen heute als Unterrichtsfach angeboten werden muss, wäre für Kinder früher unvorstellbar gewesen“, staunt Renate Schulte. Die Gästeführerin versetzt bei ihren Themenführungen regelmäßig Kindergarten- und Schulkinder in Erstaunen, wenn sie ihnen Spielzeug aus dem Mittelalter zeigt. „Da gibt es den Schnurrer, einen Schweineknochen an einer Schnur, der Töne erzeugt, eine Holzpuppe oder einen Ball, der aus einer Schweinsblase, die mit Erbsen oder Bohnen gefüllt wird, hergestellt wurde“, nennt sie einige Beispiele. Und diese Spielzeuge habe es nur gegeben, wenn der Vater Zeit hatte, die Puppe zu schnitzen oder die Mutter die Schweinsblase nicht für Sülze benötigte“, erklärt sie den Mädchen und Jungen. Und da es häufig genug vorgekommen sei, dass es kein Spielzeug gab, hätten sich die Kinder selbst Spiele ausgedacht, sagt Renate Schulte und drückt den verdutzten Mädchen und Jungen dann einige Steine in die Hand. „Die Reaktionen reichen von igittigitt bis zum spontanen Ausprobieren“, lacht sie und hat die Erfahrung gemacht, dass „die Kindergartenkinder am unbefangensten sind. Schnell entwickeln sie Spielregeln, die denen von Boccia oder Boule ähneln. Meist wollen aber auch die älteren Kinder nicht mehr aufhören, die Spiele auszuprobieren, selbst wenn sie vorher gemeckert haben.“

„Früher hatten wir Kinder nicht nur weniger Spielzeug als die Mädchen und Jungen heute, wir spielten weit häufiger draußen“, sind sich nicht wenige der heute 50- bis 60-Jährigen sicher. Wenn die Hausaufgaben fertig gewesen seien, habe man bis zum Einbruch der Dunkelheit nach draußen gedurft, erinnern sie sich. „Das, was wir Kinder gemeinsam draußen spielten, sind die auch schon im Mittelalter bekannt gewesenen Spiele“, sagt Renate Schulte. Die Klassiker wie Fangen, Verstecken, Bockspringen und Seilziehen hätten bei den Jungen hoch im Kurs gestanden. Bei den Mädchen seien es eher Kreisspiele, Schaukeln oder Rollenspiele gewesen. „Da wurde Vater, Mutter, Kind gespielt und nicht selten haben wir uns dabei verkleidet“, führt die Gästeführerin aus Bensen aus. Während Kinder heute eher das warme Zimmer zum Spielen zu bevorzugen scheinen, wurde früher das ganze Jahr über draußen gespielt. „Wir sind auf Bäume geklettert, durch die Felder gestromert, sind im Winter gerodelt oder haben auf dem Eis gespielt“, erinnert sich nicht nur Renate Schulte. Nicht wenige Großeltern sind sich mit Pädagogen und Psychologen einig, dass Spielen heutzutage häufig allein geschieht und Spiele oft den Charakter des Konsumierens oder der Berieselung haben. „Das hat oftmals nichts mehr mit Fantasie, Kreativität oder Spielwitz zu tun und geschieht meist auch allein“, bedauert Joachim Pronsfeld. Der ehemalige Lehrer aus der Eifel beschäftigt sich intensiv mit dem Thema „Spielen früher und heute“.



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