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1. Juli 1917: Pu Yi wird zum zweiten Mal zum Kaiser von China gekrönt – für 13 Tage

Vom Kaiser zum Gärtner

Er sitzt auf einem prachtvollen Thron in einer riesigen Halle, und er schreit und schreit und schreit, während eine nicht enden wollende Prozession an Würdenträgern vorbeischreitet. Denn manches Erbe will man lieber nicht annehmen, doch Aisin Gioro Puyi hat keine Wahl, er wurde nicht einmal gefragt: Er ist gerade mal zwei Jahre alt und wird Kaiser von China.

veröffentlicht am 03.07.2017 um 08:24 Uhr

Aisin Gioro Puyials Kaiser von Mandschukuo. Foto: wikipedia
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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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Ausgewählt hat ihn die Witwe seines Onkels, des vorherigen Kaisers, denn die Tante will im Hintergrund weiterhin die Fäden ziehen. Auf dem Papier ist er der mächtigste Mann seines Landes – und wird zeitlebens nur eine unmündige Marionette bleiben: zunächst die seines Hofstaats, dann die der Japaner und zuletzt die der chinesischen Kommunisten.

1908 wird er gekrönt, er lebt in der sogenannten Verbotenen Stadt, der großen Palastanlage in Peking, die den chinesischen Kaisern seit dem 15. Jahrhundert als Regierungssitz dient. Normale Menschen dürfen den Palast mit seinen 9000 Zimmern nicht betreten.

Der Knirps auf dem Thron hat alles – und nichts.

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Spielen darf er, wo und wann und solange er will, Grenzen gibt es für ihn nicht, er hat Diener, Anziehfrauen, Leibärzte. „Sohn des Himmels“ wird er von seinen Untertanen genannt.

Freunde hat er nicht, auch keine Familie, er lebt vollkommen abgeschottet vom Rest der Welt, nicht einmal Pu Yis Eltern dürfen bei ihrem Sohn im Palast leben.

Als er sieben Jahre alt ist, trifft er erstmals einen Gleichaltrigen.

Mit 16 muss er gegen seinen Willen heiraten. Er nimmt sich zwei Frauen, von denen er keine liebt.

Lange dauert die Regentschaft des kleinen Pu Yi nicht an. Schon nach drei Jahren rufen Revolutionäre China im Dezember 1911 zur Republik aus. Am 12. Februar dankt der kleine Kaiser offiziell ab, erhält aber das Privileg, mit dem Hofstaat weiterhin ein prunkvolles Leben im Palast zu führen. Mit der Abdankung endet nicht nur die Herrschaft der mandschurischen Qing-Dynastie, sondern auch die 2000-jährige Geschichte des chinesischen Kaiserreiches.

Draußen ändert sich die Welt, innen bekommt der Junge davon fast nichts mit, selbst nachdem Republik und Abdankung des Kaisers verkündet worden waren, hält er sich weiter für den Herrscher des Landes. Das Land selbst steckt in einer tiefen Krise. Zu rückständig ist China im Vergleich zu den aufstrebenden Kolonialmächten Europas, militärisch spielt das Land ebenfalls keine Rolle mehr, die einst größte Wirtschaftsmacht der Welt darbt.

Im Frühsommer 1917 sind Präsident und Premier zerstritten in der Frage, ob China in den Weltkrieg eintreten solle. Der Premier wird gestürzt, das Parlament aufgelöst. General Zhang Xun besetzt kurzerhand Peking, der elfjährige Pu Yi wird am 1. Juli zum zweiten Mal Kaiser, er nimmt Huldigungen entgegen und hält Audienzen ab.

Doch die zweite Amtszeit des Kindkaisers dauert nur 13 Tage: Dann erobert die Republikanische Armee Peking zurück. Wieder fällt er weich, die Sieger verfahren mit dem gestürzten Monarchen und seinem Gefolge gnädig. Pu Yi darf im Kaiserpalast bleiben.

1924, Pu Yi ist 18 Jahre alt, fordert ihn der Präsident der Republik China auf, seinen Palast innerhalb von drei Stunden zu verlassen. Er flieht nach Japan, zusammen mit seinen beiden Frauen. Dort lebt er sieben Jahre lang in einer vornehmen Villa als Playboy westlicher Prägung unter dem Schutz der Japaner.

Als Pu Yi von den Japanern schließlich das Angebot bekommt die, von ihnen besetzte, Mandschurei zu regieren, sieht er endlich, endlich die Chance gekommen, die Geschicke eines Staates lenken zu können. 1934 wird er zum Kaiser Mandschukuos ernannt.

Doch die Fäden in Mandschuko, dass nur von einer Handvoll Staaten anerkannt wird, haben die Japaner fest in ihrer Hand, wie Pu Yi schmerzlich erfahren muss; er ist erneut ein Marionettenkaiser. Mit dem Abwurf der Atombomben auf Japan endet nicht nur die Besetzung Chinas, sondern auch die Pseudoherrschaft Pu Yis. Bei der Flucht wird er von den Russen gefangen genommen und in der UdSSR ins Gefängnis gesteckt.

Als er fünf Jahre später an die Chinesen übergeben werden soll, hat Pu Yi Todesangst: Er befürchtet, dass das kommunistische Regime unter Mao ihn für seine Kollaboration mit den verhassten Japanern umbringen wird.

Doch der chinesische Revolutionär, Stratege und Anführer, in dessen Herrschaft ungefähr 44 bis 72 Millionen Menschen an den Auswirkungen politischer Kampagnen, diktatorischer Machtausübung und verfehlter Wirtschaftspolitik sterben werden, hat ganz andere Pläne für den dreimaligen Kaiser: Mao will der Welt beweisen, wie mildtätig Kommunisten mit ihren Feinden umgehen. Pu Yi wird als Kriegsverbrecher angesehen und kommt als Häftling Nr. 981 in ein Umerziehungslager, aber er bleibt am Leben. Ziel der Umerziehung ist es, Pu Yi zu einem loyalen Bürger der Volksrepublik zu machen, erstmals in seinem Leben muss er ohne Privilegien oder Diener auskommen.

Nach neun Jahren wird er per Gnadenerlass wieder entlassen, die „Umerziehung“ ist erfolgreich abgeschlossen. Dankbar und artig lobt Pu Yi später in seiner Autobiografie die Menschlichkeit der Kommunisten.

Später besucht er noch einmal die Verbotene Stadt, die nun als Museum zu besichtigen ist, und erzählt dem Sohn des Museumswärters von seiner Zeit als Kaiser von China.

1967 stirbt Pu Yi als einfacher Gärtner in der Volksrepublik China; ganz im Sinne der Kommunisten.



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