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Droge wurde früher als Medikament auch kleinen Kindern verabreicht

Vom Hustensaft zur Horrordroge – der Aufstieg und Fall von Heroin

Landkreis (jak).  Als „nicht süchtigmachendes Medikament“ haben die Farbenfabriken Friedrich Bayer (heute Bayer AG) im Jahr 1900 ihren großen Wurf angepriesen. Ein  wahres Wundermittel wollte man da gefunden haben, wirksam gegen beinahe jede Krankheit: Husten, Asthma, Magenkrebs, Epilepsie und Schmerzen jeglicher Art. Sogar bei Darmkoliken von Säuglingen sollte es verabreicht werden. Und all das fast ohne Nebenwirkungen. Einzig Verstopfungen und leichte sexuelle Lustlosigkeit wurden hier genannt.

veröffentlicht am 25.01.2013 um 18:03 Uhr
aktualisiert am 18.04.2013 um 10:30 Uhr

Landkreis (jak).  Als "nicht süchtigmachendes Medikament"; haben die Farbenfabriken Friedrich Bayer (heute Bayer AG) im Jahr 1900 ihren großen Wurf angepriesen. Ein  wahres Wundermittel wollte man da gefunden haben, wirksam gegen beinahe jede Krankheit: Husten, Asthma, Magenkrebs, Epilepsie und Schmerzen jeglicher Art. Sogar bei Darmkoliken von Säuglingen sollte es verabreicht werden. Und all das fast ohne Nebenwirkungen. Einzig Verstopfungen und leichte sexuelle Lustlosigkeit wurden hier genannt.

Aus verkaufstaktischen Gründen taufte man das neue Mittel auf Heroin. Die wissenschaftliche Bezeichnung Diacetylmorphin war zu sperrig. Besonders heroisch sollte das neue Medikament auf den Konsumenten wirken. In zwölf Sprachen startete man eine groß angelegte Werbekampagne und Heroin schlug ein wie eine Bombe. Wegen der angeblich umfassenden Wirkung und den nicht vorhandenen Nebenwirkungen, wurde es von Ärzten in großen Mengen verschrieben und von Patienten begeistert eingenommen.

Schon 1904 wurde bekannt, dass Heroin sehr schnell zu Gewöhnung und Abhängigkeit führen kann, ähnlich wie Morphium. Doch aufgrund der aggressiven Marketingstrategie von Bayer blieb die Anzahl jener Ärzte, die davor warnten, gering. Carl Duisberg, damals Prokurist von Bayer, wollte die Harmlosigkeit von Heroin mit aller Kraft in den Köpfen der Menschen verankern. Seine Untergebenen wies er an, sie sollten Kritiker "mundtot schlagen", die Heroin als unsicher bezeichneten. "Wir dürfen nicht dulden", wurde er nicht müde zu betonen "dass in der Welt behauptet wird, wir hätten unvorsichtigerweise Präparate poussiert, die nicht sorgfältig probiert sind." Doch genau das war geschehen. Zwar testete Bayer Heroin zunächst an Tieren und später auch an Mitarbeitern sowie deren Kindern. Niemand starb und niemand wurde abhängig, also brachte man es kurze Zeit später, ohne gründliche klinische Tests, auf den Markt. Ein Millionengeschäft, das, zusammen mit der Produktion von Aspirin, dazu führte, dass die Bayer AG zu einem weltweit tätigen Konzernriesen aufstieg.

Dass das höllische Abhängigkeitspotenzial von Heroin nicht sofort deutlich wurde, lag daran, dass Heroin oral und nur in geringer Dosis eingenommen wurde, erklärt Brigitte Wowra von der Engel-Apotheke in Rinteln. Auf die Idee, das Medikament zu rauchen, schniefen oder spritzen kam anfangs in Europa kaum jemand. Anders sah es in Amerika aus, das schnell zum besten Kunden der neuen Droge aufstieg. Nicht nur Bayer war in den legalen Handel verwickelt, fast alle namhaften Pharmakonzerne der Zeit beteiligten sich. Hoffmann-La Roche, Knoll, Merck und andere produzierten und verkauften Heroin in großen Mengen.

Wegen der leichten Verfügbarkeit, des geringen Preises und natürlich des hohen Suchtpotenzials, stiegen ab 1910 Millionen Morphium- und Opiatabhängige in Amerika auf Heroin um. Als Konsequenz wurde der freie Verkauf von Heroin, der bisher nicht geregelt war, unterbunden und seine Verschreibung erschwert. Dass viele opiumabhängige chinesische Einwanderer auf das neue Heroin umgestiegen waren, erleichterte das Vorgehen gegen die neue Droge aus rassistischen Gründen. 

Ab 1931 kam der legale Handel und Verkauf von Heroin beinahe gänzlich zum erliegen. Bayer beugte sich dem politischen Druck und stellte die Produktion ein. Doch ist Heroin nicht die einzige Droge, die als Medikament verkauft wurde: Kokain, Marihuana, Speed und Crystal Meth; viele heute gefürchtete Drogen wurden früher benutzt, um Menschen zu heilen. Teilweise wird ihre medizinische Wirkung jetzt neu entdeckt. So wird Heroin in Großbritannien als Schmerzmittel benutzt und in Deutschland dürfen seit 2011 cannabishaltige Medikamente verschrieben werden.



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