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Krise auf dem Sofa / Ab Montag ändert sich alles

Voll im Vorstress

Donnerstagabend, Sofa: Ich hab richtig Stress jetzt, obwohl ich hier nur sitze. Ich habe sozusagen Vorabstress: Ich bin Mutter, ich arbeite, ich habe ein Haus, ich muss überleben, also einkaufen, kochen, essen, mein Mann arbeitet am anderen Ende des Landes. Tatsächlich reicht diese Kombi als solche für flache Atmung und regelmäßiges Chaos im Kopf. Jetzt hat die Welt auch noch Corona – und ab Montag ist keine Schule mehr.

veröffentlicht am 14.03.2020 um 07:00 Uhr

Birte Hansen

Autor

Reporterin zur Autorenseite

Vielleicht. Vor einer Woche habe ich noch geunkt, dass es Schlimmeres gibt, als 14 Tage zu Hause bleiben zu müssen. Jetzt bekomme ich eine Ahnung davon, was es sein könnte. Pling. Whatsapp-Elterngruppe, wie zum selben Zeitpunkt wahrscheinlich in tausenden Elterngruppen Niedersachsens: Beitrag zum Thema Vielleichtwahrscheinlich keine Schule ab Montag. Plingplingplingpling ... was?, pling, noch’n link!, pling, pling, ...

Mutter, überleben, Arbeit, und zwar im Home-Office, Haus, und, Trommelwirbel: Lehrerin, und zwar im Home-Schooling. Ich rotiere, noch nur innerlich: Integralrechnung, Kurvendiskussion kann ich das noch? Welche Tonart bei drei ###? Chemie?! Mist! Und Englisch – kann ich, aber unterrichten? Beruhig dich, dein Kind ist in der ZWEITEN Klasse! 9 mal 4! Na? Na? Religion? Ach Gott, Religion! Worauf soll ich schreiben? Whiteboard haben wir nicht. Wir haben eine Tafel, aber ist noch genug Kreide da? Und der Kreidestaub! O. K., schlimmer als Corona wird der nicht sein. Aber wann soll ich dann arbeiten? Also in dem Job, für den ich bezahlt werde. Ich. Hab. Keine. Ahnung.  

Ich habe gelesen, dass Eltern sich um eine Betreuung zu kümmern haben, wenn Schulen und Kitas geschlossen werden, Omas und Opas aber sollen natürlich nicht mehr einspringen, um sich nicht bei den kleinen Virenschleudern anzustecken. Wenn – jetzt kommt der Umstand, bei dem ich fast geplatzt bin – nachweislich (!) keine Betreuung zur Verfügung steht, dann müsse man wohl mit dem Arbeitge-
ber  über unbezahlten Urlaub sprechen. Da frage ich mich: Soll das so? Sollen die Arbeitnehmer die Corona-Folgen auf diese Weise schultern? Und was machen dann die Krankenhäuser, die Pflegeheime, alle Unternehmen, die ihre Arbeitnehmer, die Eltern sind, brauchen? Kann man darauf Antworten erwarten? Ach verdammt, wieder ins Gesicht gefasst. Wie lückenlos muss ich denn beweisen, dass ich wirklich, wirklich, WIRKLICH keine Betreuung für mein Kind gefunden habe. Nein, die Nachbarn arbeiten. Nein, die Großeltern sind nicht erst 40 und damit nicht gefährdet. Nein,  der Siebenjährige kann nicht fünf Stunden unbetreut fernsehen, daddeln, die Wohnung aus-einandernehmen. Isch schwöre!  Reichen die Beweise aus? Brauche ich einen Anwalt? Und wofür eigentlich. Wem muss ich denn etwas beweisen?

Pling. Fällt denn jetzt die Schule aus? Plingplingpling. Zwei Stunden nach der ersten unbestätigten Nachricht immer noch nichts Offizielles. 

Kann ich am Dienstag zum langersehnten Konzert? Will ich das überhaupt, so nah an anderen? Und was kosten drei Eintrittskarten, wenn ich morgens noch Mathe unterrichtet habe und abends um 21 Uhr den 120-Zeilen-Artikel für die Zeitung fertigschreibe, nachdem ich mittags für jeden 50 rationierte Gramm Nudeln (!) gekocht habe – Spaghetti, Fussili waren natürlich längst ausverkauft – und mir 30-mal die Hände gewaschen habe? Wie viel verdienen die Stadtwerke gerade, weil plötzlich alle Menschen so häufig Hände waschen wie nie zuvor? Und können die Stadtwerke nachweisen, dass sie sich über die zusätzlichen Einnahmen nicht doch auch ein bisschen freuen? Interessiert mich das wirklich? Was weiß denn ich. Mir wird jedenfalls schon jetzt klar: Corona macht mich völlig wuschig, und wie ich das ab Montag hinkriegen soll, weiß ich immer noch nicht. Pling. Mist, Finger am Auge. Pling – mein Kollege, pragmatisch, meint, das wird schon alles gehen. Also gut: tief atmen, „tutto andrà bene“ denken und dran glauben, so postulieren es die Italiener zurzeit, alles wird gut. Oder anders: Wir schaffen das.

***Update und Ergänzung***: Die Schule FÄLLT ab Montag aus. Ersatzunterricht ist nicht in vollem Umfang vorgesehen – das entspannt ein bisschen … Wer Ruhe bewahren kann, ist klar im Vorteil.



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