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13. November 1976

Vergilbt, nicht vergessen: Wolf Biermann wird ausgebürgert

Es ist ein Abend, der Zeitgeschichte schreiben wird: Nach elf Jahren Konzertverbot in der DDR tritt Wolf Biermann auf. 7000 Menschen sind gekommen, um ihn zu hören. Ein Abend, der das Leben des Liedermachens dramatisch ändern wird.

veröffentlicht am 13.11.2016 um 16:54 Uhr

Wolf Biermann beim Konzert in der Kölner Sporthalle 1976. Foto: dpa
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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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Es ist ein Abend, der Zeitgeschichte schreiben wird, auch wenn es an diesem 13. November noch niemand ahnt, weder die 7000 Zuhörer in der Kölner Sporthalle und schon gar nicht der Sänger oben auf der Bühne: Nach elf Jahren Konzertverbot in der DDR tritt Wolf Biermann auf. Geplant ist eine kleine Konzertreise durch die Bundesrepublik, nach einer Einladung durch die IG Metall, wofür die DDR eine Reisegenehmigung erteilt hat.

Das für zwei Stunden angesetzte Konzert dauert doppelt so lange, das Publikum besteht aus Jusos, Gewerkschaftern, Maoisten, Trotzkisten, Leninisten, Anarchisten, Linkssozialisten, Sozialdemokraten und anderen Querköpfen. Für ihn ist der Auftritt ein politischer und künstlerischer Drahtseilakt: Er will die DDR nicht schönreden, aber er darf auch nicht zu frech werden, weil er ja wieder zurück will in den sozialistischen Staat auf deutschem Boden.

Biermann singt, trägt Gedichte vor, spricht über das Leben in der DDR, die darin mal besser, mal schlechter wegkommt; vereinzelt kommt es zwischen den Songs zu Diskussionen. Biermann verteidigt dann auch schon mal die DDR und spricht von seiner Hoffnung, dass sich auch die Bundesrepublik in Richtung sozialistische Gesellschaft bewegt.

Vor 40 Jahren sind es Töne, auf die die DDR-Regierung nur gewartet hat: Endlich bietet sich eine Gelegenheit, den unbequemen Biermann auszubürgern. Biermann wird von ihnen als gefährlich eingestuft, denn er glaubt an den Sozialismus – und kritisiert SED, Honecker & Co. als senile Greise und Bürokraten. Es gehört zu Ironie der Weltgeschichte, dass Biermann in Köln das Existenzrecht der DDR heftig verteidigt – und wenige Tage später läuten die SED-Bürokraten mit dem Stempel auf seiner Ausbürgerungsurkunde ihre eigene Totenglocke. Doch im November 1976 notiert die Stasi nach seiner Ausbürgerung: „Durch sein hetzerisches Auftreten und Gesamtverhalten in der BRD hat Biermann die bereitwillige Erfüllung der ihm von erbitterten Feinden der DDR übertragenen Rolle, den real existierenden Sozialismus in großem Ausmaß und auf das Gröbste zu verunglimpfen, eindeutig demonstriert. Die Aberkennung der Staatsbürgerschaft der DDR war die logische Konsequenz, den Plan des Gegners und die von ihm erstrebten Auswirkungen entschieden zu durchkreuzen.“

Biermann ist zunächst wie vor den Kopf geschlagen. Auf einer Presseerklärung in Köln spricht er von einer „schändlichen Ausbürgerung“.

Biermann hofft auf die Solidaritätsbekundungen in Ost und West. Zahlreiche auch prominente Unterstützer protestieren gegen seine Ausbürgerung. Auch in Ost-Berlin regt sich Protest. Schriftsteller, Musiker, Maler, Theaterleute unterschreiben eine Forderung nach Rücknahme der Ausbürgerung. Daraufhin dürfen auch sie nicht mehr auftreten. Alle Hoffnung auf gesellschaftliche Liberalisierung, die sich Anfang der 70er-Jahre nach dem Machtantritt Erich Honeckers eingestellt hatte, ist zerstört. Biermann ist über seinen Zwangsaufenthalt im kapitalistischen Westen nicht glücklich: „Jetzt bin ich vom Regen in die Jauche gekommen“, sagte er kurz nach seiner Ausbürgerung.

Mit ihm schwinden in der DDR die letzten Hoffnungen auf eine Reform des realen Sozialismus in Deutschland. Die Folgen sind fatal: Erst ziehen die Kulturschaffenden gen Westen, dann die Intellektuellen, schließlich auch immer mehr ganz normale Leute aus der DDR. Zurück bleibt ein Riss zwischen Staatsmacht und dem aufrechten Teil der Intellektuellen, der mit den Jahren nur noch tiefer wird. Der 13. November in Köln ist der Anfang vom Ende der DDR, das im November 1989 besiegelt wird.

Erst am 1. Dezember 1989 darf Biermann zu einem Konzert in den Leipziger Messehallen wieder in die DDR einreisen. Das Konzert wird erstmals sowohl im bundesdeutschen als auch im DDR-Fernsehen live übertragen.



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