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Toleranz ist Handwerkszeug für ein Überleben in der Provinz

Vereint im Mittelmaß

Auch wenn die Dewezet-Heimatserie schon seit einer Woche beendet ist: Einmal muss es noch sein. Und später wahrscheinlich auch immer wieder einmal, wenn mich das Glücksgefühl übermannt: Ich liebe meine Heimat. Damit meine ich jetzt ausnahmsweise nicht Hameln, den Landkreis Hameln-Pyrmont oder das Weserbergland, sondern etwas viel Universelleres. Ich liebe die Provinz!

veröffentlicht am 08.06.2019 um 08:30 Uhr

Illustration: cn
Juni

Autor

Julia Niemeyer Verlegerin / Chefredakteurin zur Autorenseite

Nein, liebe Leserin, lieber Leser, Sie haben sich nicht verhört. Ich meine tatsächlich die Provinz mit I und Z – und nicht ihr französisches Pendant, das ja fast jeder irgendwie toll findet. Ich meine die kleinstädtische Pupsgemütlichkeit hinter Jägerzäunen (habe ich) und akkurat gestutzten Hainbuchenhecken (habe ich nicht). Ich liebe den kraftvollen Sound der Laubbläser im Herbst und im Sommer das Röhren der Rasenmäher an jedem verdammten Samstagvormittag.

Überhaupt: Der Sommer! Wo könnte er schöner sein als in der Provinz? Während in Hamburg, München und Berlin noch die Teakholz-Edelstahl-Liegen auf Hochglanz poliert und neue Garnituren saucooler Palettenmöbel gezimmert werden, fläzt die Provinz schon längst auf ihren Plastikhochlehnern in der Sonne. Daneben – klippklapp – das Campingtischchen, darüber fix den nur leicht vergilbten Sonnenschirm aufgespannt. So läuft das hier. Was der Nachbar hinter der Hainbuchenhecke über die quietschbunten kariert geblümt gestreiften Auflagen denkt – wen schert´s? Der soll erst mal den Gehweg ordentlich fegen, bevor er sich aufregt. Als er neulich während der Mittagsruhe den Staubsauger bei offener Terrassentür betätigte, hat man schließlich auch nichts gesagt.

Überhaupt: Toleranz. Alle reden darüber, aber echte, wahre Toleranz gibt es nur in der Provinz. Für alles andere ist hier nämlich schlicht zu wenig Auswahl. In Hamburg, München und Berlin findet man immer den perfekten Ort, um persönliche Vorlieben völlig ungestört zu kultivieren und zu zelebrieren. Inuit-Kunst z. B. oder den absolut perfekten Gin Tonic. In der Provinz hat man dagegen die einmalige Chance, Dinge schätzen zu lernen, die man niemals schätzen lernen wollte.

Glauben Sie mir, liebe Großstädter: Bevor Sie sich zu Tode langweilen, würden selbst Sie erkennen, dass auch in Töpferhandwerk und Seidenmalerei ein besonderer Zauber liegen kann. Sie würden erfahren, dass an einer Dampferfahrt nichts Verwerfliches ist und man auch mit zweitklassigen Cocktails einen Samstagabend überleben kann.

Sie würden außerdem erleben, wie interessant ein Abend allein schon dadurch wird, dass man ihn – gezwungenermaßen – mit Menschen verbringt, die nicht genauso sind wie Sie. Von denen gibt es, anders als in Hamburg, München oder Berlin, hier in der Provinz nämlich nicht genug, um damit eine Kneipe oder Vernissage zu füllen. Es bleibt Ihnen also gar nichts anderes übrig, als sich wiederum in Toleranz zu üben und mit dem vorhandenen Material zu arbeiten. In der Provinz kann man das. Oder man stirbt einsam.

Was wir Provinzler deswegen auch noch gut beherrschen: Das Auseinanderhalten von Toleranz und Harmonie. Nur deshalb können wir in unserem Dorf auch dann noch gegen die geplante Umgehungsstraße protestieren, wenn der Nachbar zwei Häuser weiter sein „Pro-Ortsumfahrung!“-Transparent entrollt. Wir haben doch gar keine andere Wahl, als uns trotzdem noch auf der Straße zu grüßen. Unfreundlich, aber tolerant.

Denn nirgendwo passt der Spruch „Man trifft sich immer zweimal im Leben“ so aufs Auge wie in der Provinz. Hier in der Beinahe-Einöde begegnet man entweder niemandem – oder ständig denselben Leuten. Die Frau Müller, die wir eben noch beim Bäcker angeranzt haben, weil sie sich vorgedrängelt hat, kommt uns mit großer Wahrscheinlichkeit eines Tages als neue Leiterin der Turngruppe entgegen, und ihre Rache wird dann fürchterlich sein.

So hat in der Provinz irgendwann (bei aller Vorsicht) jeder mit jedem noch ein Hühnchen zu rupfen. Jeder weiß auch ein bisschen zuviel über jeden und weiß gleichzeitig, dass jede Indiskretion mit gleicher Münze heimgezahlt werden könnte. Dieses Gleichgewicht des Schreckens diszipliniert ganz ungemein. Es sorgt dafür, dass in der Provinz meist so etwas Ähnliches wie Frieden herrscht.

Nicht dieser durchhomogenisierte Frieden, den ich – ungläubig blinzelnd! – unter den allesamt gleich alten, gleich gebildeten und gleich betuchten Latte-Macchiato-Müttern auf großstädtischen Spielplätzen beobachten konnte. Auch nicht der gleichgültige Frieden der anonymen Wohnblocks, in denen man die ebenso anonymen Nachbarn erst posthum als Geruchsbelästigung wahrnimmt.

Nein, der Frieden in der Provinz ist anders, bilde ich mir ein. Er wird täglich hart erarbeitet – und gleichzeitig einfach ausgesessen. Er ist ignorant – und gleichzeitig anteilnehmend. Ein Käfig – und gleichzeitig so etwas Ähnliches wie Freiheit.

Deshalb liebe ich die Provinz. Hier ist die Welt trotz anderslautender Gerüchte zwar auch nicht mehr in Ordnung als anderswo. Es lebt sich damit aber irgendwie entspannter, wenn man so gut wie keine Chance hat, auf den persönlich empfundenen Nickelig- und Befindlichkeiten eine durchsetzungsfähige Mehrheit aufzubauen. Eine Front, an der man mit hoher Wahrscheinlichkeit ziemlich einsam stünde – macht einfach wenig Spaß.

Die eingangs erwähnte Pupsgemütlichkeit hinterm Jägerzaun; in meinen Augen ist sie nichts anderes als eine gelungene Tarnung. Für das pralle, bunte, vielfältige Leben mit seinen zahllosen und im Grunde unerträglichen Konflikten. Vereint im Mittelmaß, lässt sich das hier in der Provinz erstaunlich gut aushalten.



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