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Schraubenzieher, die nicht ziehen – und andere verschwurbelte Wörter

Uwe, der Papst und Loriot

Wo ist Uwe?“ „Du, das kann ich Dir auch nicht sagen“, antwortet die Wirtin, „der war schon länger nicht hier, vielleicht turnt der ja irgendwo anders rum.“ Tja, wer weiß das schon. „Dann mach mir doch mal ein Bier … .“ Die Musikbox dudelt vor sich hin, bläulich-weißer Qualm zieht über den lackierten Holztresen und irgendwie scheint dies ein langweiliger Abend zu werden.

veröffentlicht am 11.05.2019 um 06:30 Uhr

Illustration: cn
Thomas Thimm

Autor

Thomas Thimm Stv. Chefredakteur zur Autorenseite

„Bitteschön, dein Bier. Lass es Dir schmecken. Prost!“ Gerade angesetzt und den Schaum an den Lippen, poltert es von hinten: „Ey, sach’ ma’, trinkste immer alleine?“ Diese Stimme rettet den Abend – Uwe ist da. „Schön, dass der Herr sich auch mal die Ehre gibt“, sage ich, Schulterklopfen, Bier nachbestellen, alles eine Bewegung, „setz Dich!“

Zweite Biere brauchen keine sieben Minuten, ruckzuck ist’s da – und: „Prost!“ Und gut, dass der Kerl gekommen ist, denn schließlich kann Uwe eine seit Tagen auf der Seele brennende Frage beantworten: „Du bist doch Handwerker, Du musst das wissen: Warum zum Teufel heißt der Schraubenzieher eigentlich Schraubenzieher, der zieht doch gar nichts, der dreht doch nur.“ „Hör ma’“, sagt Uwe, „sonst haste aber keine Probleme, oder?“ „Nein, aber jetzt mal ehrlich, kannst Du mir diesen Quatsch bitte mal erklären?“ Uwe zieht die Augenbrauen hoch, kräuselt die Stirn, zieht lange und genüsslich an seiner Kippe, und das bedeutet, er denkt nach. Was dabei herauskommt, kann man nie so genau vorhersagen, aber er denkt schon mal nach … „Nee, dat is’ nich’ zu erklär’n. Dat is’ ’n Schraubenzieher oder auch Schraubendreher, aber wie dat Ding heißt, is’ doch nu’ wirklich vollkommen egal, Hauptsache Schraube rein, Schraube raus, is’ doch ganz einfach.“ Uwe hat eben immer eine Erklärung, auch wenn er keine hat. „Aber hör’ ma’“, holt er nochmals aus, „egal, ob das Werkzeug zieht oder dreht, wenn Du ein Möbelstück zum Basteln kaufst, bleibt doch immer entweder eine Schraube über oder es ist eine zu wenig im Paket, dat is’ doch jedem schon ma’ passiert. Dat sind Probleme, sach ich Dir, nich’ ob der Begriff stimmt.“

Kurze Unterbrechung zur Geschäftsordnung: „Machste noch mal zwei Bier, bitte?“ „Kommt sofort … .“

Illustration: cn

Jo, da hat der Uwe durchaus recht, das kann man ihm nicht absprechen. Schließlich gibt es ja im Deutschen tatsächlich eine ganze Reihe von verschwurbelten Begriffen, bei denen man sich fragt, wo sie wohl herkommen oder wie sie entstanden sind. Und es gibt jede Menge Bezeichnungen, die einen absolut in die Irre führen können. Denken wir nur mal an die Erdbeere, die keine Beere ist, sondern eine Nuss. Eigentlich müsste die Erdbeere dann wohl eher Erdnuss heißen … – obwohl: nein, das geht ja nun auch nicht.

Dasselbe Schicksal wie die Erdbeere trifft übrigens auch die Himbeere und die Brombeere, bekanntlich beides keine Beeren. Und: Ganz anderes Fach im Kühlschrank – aber was, bitteschön, hat der Leberkäse mit Käse zu tun? Sprachlich viel, geschmacklich nix. Also: Das, was die sprachliche Wortbedeutung uns gibt, und das, was wir darunter verstehen und jenes, was die Botanik oder die Entstehungsgeschichte dazu sagen, steht auf mindestens zwei, wenn nicht sogar drei Blättern Papier.

Und man kann das Wörter-Spielchen ewig weitertreiben. Schraubenzieher hin oder her, Uwe hat jedenfalls nun richtig Spaß damit. „Hör ma’, wat mir gerade einfällt, es gibt ja wirklich jede Menge komischer Bezeichnungen. Kannst Du mir ma’ erklär’n, wat eine Holzeisenbahn sein soll, also eine Holz- …eisen- …bahn, verstehste? Oder, pass ma’ auf, ich hab’ noch einen: Miniriesenrad, verstehste, Mini- …riesen- …rad, hahaha.“

Mensch Uwe, hast recht, und vergiss die Frage nach dem Schraubenzieher, vergiss sie ganz einfach. Es gibt offenbar wirklich ein paar Dinge zwischen Himmel und Hölle, die kannst Du einfach nicht erklären … Wenn man das kapiert hat, muss man auch nicht grübeln, warum es im deutschen Sprachgebrauch immer noch herrenlose Damenfahrräder gibt oder eingefleischte Vegetarier, die Witzchen darüber sind nun auch schon echt alt, lassen wir das – und eröffnen mit dem Papst in Wuppertal eine Herrenboutique – oder wegen mir auch mit Loriot einen Fußbodenschleifmaschinenverleih.

Machen wir es uns doch bitte einfach einfach.

„Zwei Bier bitteschön …“

Schweigen. Warten. Rauchen. Schweigen. Warten.

„Bitte, Eure Biere …“

„Danke … und Prost.“



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