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Das Leben ist eine Gratwanderung

Unterwegs auf schmalen Pfaden

Schatz, bin ich eigentlich dicker geworden?“ Eine ehrliche Antwort auf meine Frage hätte ich von meiner lieben Gattin ja schon erwartet. Aber diesmal grinst sie nicht einfach nur; sie zieht auch die Augenbrauen in der mir so wohl bekannten Art in die Höhe – als wollte sie sagen, so eine dämliche Frage könne ich mir doch wirklich selbst beantworten. Sie hat mal wieder recht.

veröffentlicht am 02.10.2020 um 09:00 Uhr

Ich bin nicht nur eigentlich, sondern tatsächlich – sagen wir – schwerer geworden. Eine Erkenntnis, zu der ich nicht erst an diesem Morgen komme – klar geworden ist mir das schon am vorigen Wochenende. Bei einer mehrtägigen Herren-Tour, Wandern auf 1800 Metern Höhe. Mit Gepäck auf dem Rücken. Verdammt, was habe ich geflucht.

Aber ein echtes Männer-Ding: Als wir nach mehreren Stunden Bergauf-Marschierens (ich habe meinen Freunden zuvorkommend stets den Vortritt gelassen, es drehte sich dabei meist um mehrere Hundert Meter) endlich auf dem Bergkamm angekommen waren, stellten sich große Glücksgefühle ein. Bei allen – außer bei mir. Mein Glück war mir herzlich egal. Nur atmen, das wollte ich da oben.

Der Gang auf dem Grat hat das Atmen nicht gerade leichter gemacht. Ein schmaler Pfad, rechts und links und wo du sonst so hinschaust: nichts als Tiefe. Während ich mir also ziemlich kurzatmig jeden Schritt genau überlegte und dabei verdrängte, dass ich auch danebentreten könnte, leuchtete mir eindrücklich ein, dass ich zwar ausgerüstet war wie ein Profi, bei der Vorbereitung auf diese Wandertour aber wohl ebenfalls verdrängt hatte, vielleicht doch etwas strenger auf den Bier- und Schokoladenkonsum achtzugeben.

„Abnehmen durch Wandern“ hieß neulich eine Geschichte in der „Women’s Health“ – wiederum so ein Frauen-Ding. Hat bei mir bis dato nicht geklappt. Und während ich mich schon über diesen Artikel in der Frauenzeitschrift lustig machen wollte, fiel mir auf, dass ich mich kürzlich sogar mit dem „Guido“ in der Badewanne köstlich amüsierte (sie wissen schon, der Designer der Shopping-Queen, Herausgeber einer eigenen Zeitschrift für Frauen) – und die „Barbara“ war übrigens auch schon in meiner Badewanne zu Besuch. Frauen- oder Männer-Ding? Wohl ein ziemlich schmaler Grat, auf dem ich da unterwegs bin.

Und dieser Grat ist eben oft sehr, sehr schmal. Auf dem Kamm in den Alpen wie im übertragenen Sinne. Wenn meine liebe Gattin die Augenbrauen hochzieht, dann ist sie (wohl wissentlich) auch auf einem mehr oder weniger schmalen Grat unterwegs, weil sie damit durchaus auch mal meinen mag: „Stell dich doch nicht so an, Mann!“ Reaktion bewirkt dann Gegenreaktion – so ein Männer-Frauen-Ding, manchmal.

Eine Gratwanderung ist auch bei mir die abendliche Wahl zwischen Mineralwasser und Mairübchen und … Bier und Schokolade. Schmale Pfade und Gratwanderungen gibt es an allen Ecken und Enden, sie fallen jedem von uns spontan ein, weil sich doch irgendwann in jeder Lebenssituation eine Gratwanderung ankündigt.

Klar, auch der Journalismus kommt um die Gratwanderungen nicht herum. Sie beschäftigen ihn nahezu täglich. Beinhaltet der Bericht über das heimische Unternehmen aktuelle Wirtschaftsnachrichten oder steckt wieder nur PR dahinter? Wie viel Nähe darf ein Journalist zu Menschen haben, über die er schreibt, um seinen Lesern dennoch distanziert ein möglichst neutrales, aber umfassendes Bild zu verschaffen? Ist eine Schlagzeile angemessen zugespitzt, braucht sie mehr Emotion oder mehr Information?

Die Gratwanderung ist oftmals eine sprachliche. So wie kürzlich wieder. Da musste die Redaktion mal ganz tief durchatmen, denn auf dem Grat ging dann ein Schritt daneben. Bei der Bezeichnung „Ratsnesthäkchen“ für das jüngste Mitglied im Rat (eine Frau!) gab es Kritik, einige witterten sogar so ein Männer-Ding. So ein Männer-Ding war’s sicher nicht, weil es in des Autors Sicht auch den jüngsten Mann im Rat mit „Nesthäkchen“ hätte treffen können. Wäre es dann so ein Frauen-Ding gewesen? Meine liebe Gattin hat nicht einmal mit den Augenbrauen gezuckt.

Dennoch: Männer-Ding oder Frauen-Ding – völlig wurscht in diesem Fall. Altbacken hört es sich halt an, mehr steckt dann wohl aber nicht dahinter. Dieser Tritt daneben hat auf dem Grat nicht gleich zum Absturz geführt, aber blutige Knie, die hat es wohl zu Recht gegeben.

Erst gestern schrieb mich einer dieser glücksbeseelten Freunde von der Männer-Ding-Tour per Whatsapp an. „Machen wir nächstes Jahr wieder so eine Wanderung?“ Ich hab ihm geantwortet: „Ja, aber Grat nicht.“ Davon hab ich erst mal genug. Schönes, langes Wochenende!



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