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27. Juli 1997: Ein Rostocker gewinnt als erster Deutscher die Tour de France

Unser Ulle

Es ist eine Szene, die niemand vergessen wird, der sie gesehen hat: Bjarne Riss vom Team Telekom, Gewinner der Tour de France 1996, nimmt ein Jahr später bei der Frankreich-Rundfahrt sein Rad und schleudert es wütend in den Straßengraben. Riss hat sich viel vorgenommen, denn am Thron des Tour-Sieges kratzen viele, allen voran sein Teamkollege Jan Ullrich. Riss will es beim Zeitfahren allen zeigen, doch dann zickt sein Rad.

veröffentlicht am 23.07.2017 um 06:39 Uhr

Jan Ullrich am Anstieg zum Col de la Croix auf der 16. Etappe der Tour de France 1997 von Morzine ins schweizerische Fribourg. Foto: Gero Breloer/dpa
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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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Und Jan Ullrich gewinnt die Tour de France, als erster Deutscher, und mit 23 Jahren, so jung waren zuvor nur wenige Tour-Sieger. Es ist der große sportliche Höhepunkt des Team Telekom, denn Ullrich gewinnt nicht nur einem überragenden Zeitvorsprung, auch Erik Zabel gewinnt das Grüne Trikot und in der Teamwertung liegt das deutsche Team ebenfalls vorn.

Deutschland liegt im Radsport-Fieber, eine Euphorie durchfegt das Land, wie vorher nur beim Endspielsieg der deutschen Fußballer 1954 in Bern oder beim Triumph eines rotblonden 17-Jährigen aus Leimen beim Tennisturnier in Wimbledon 1985.

Wiederholen kann Ullrich den Sieg nicht, aber er wird fünfmal Zweiter bei der Tour und liefert sich mit dem Seriensieger Lance Armstrong packende Duelle. Es ist ein riesiger Rummel um den Rostocker Ullrich, der nicht abebben will.

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Ein strahlender Jan Ullrich hebt die Tour de France-Siegertrophäe am 27. JUli 1997 auf dem Podest in Paris in die Höhe. Foto: Gero Breloer/dpa
  • Ein strahlender Jan Ullrich hebt die Tour de France-Siegertrophäe am 27. JUli 1997 auf dem Podest in Paris in die Höhe. Foto: Gero Breloer/dpa

Und Ullrich liefert weiter sportliche Erfolge: 2000 gewinnt er das Straßenrennen der Olympischen Sommerspiele in Sydney und zudem Silber im Zeitfahren – vor Armstrong. Im Herbst 2001 wird er zum zweiten Mal die Zeitfahr-Weltmeister.

Ullrich wird zweimal Sportler des Jahres und verdient Millionen. Den ersten Kratzer erhält das glänzende Image im Mai 2002. Mit einem Porsche rammt er einen Fahrradständer und flieht. Es folgt ein positiver Doping-Test auf Amphetamine, der mit einer auf sechs Monate reduzierten Sperre endet.

Die heile Welt des Jan Ullrich zerbricht am 30. Juli 2006. Einen Tag vor seiner neunten Tour-Teilnahme wird der Rad-Profi zusammen mit einigen anderen Profis von seinem T-Mobile-Team suspendiert. Grund: Mögliche Verwicklungen in den spanischen Doping-Skandal um den Gynäkologen und mutmaßlichen Dopingarzt Fuentes. Ullrichs Antwort: „Ich habe nie jemanden betrogen.“ Am 26. Februar 2007 gibt Ullrich das Ende seiner Laufbahn als aktiver Radsportprofi bekannt.

Zu diesem Zeitpunkt ist die Liebe der Deutschen zu ihrem Rad-Idol, längst abgekühlt; wer an die Tour denkt, der denkt mittlerweile auch an Doping: Armstrong entpuppt sich als Jahrhundert-Betrüger, ihm werden deshalb sieben Tour-Siege aberkannt, und der Mann mit der aggressiven Fahrweise und dem attackierenden Stil liegt längst unter der Erde: Marco Pantani stirbt 2004; Herzversagen, Selbstmord, Überdosis Koks, man weiß es nicht.

Das Ende für Ullrich zieht sich lange hin, nach einem jahrelangen Rechtsstreit um die „spanische Doping-Affäre“ sieht Anfang Februar 2012 der Internationale Sportgerichtshof (CAS) seine Schuld als erwiesen an und verurteilt ihn, alle Erfolge seit dem 1. Mai 2005, darunter der dritte Platz bei der Tour de France 2005 und der Sieg bei der Tour de Suisse 2006, werden ihm aberkannt. Einen Antrag des Rad-Weltverbands UCI, Ullrich lebenslang für alle Aktivitäten im Radsport zu sperren, lehnt der CAS ab. Im Juni 2013 räumt Ullrich in einem Interview erstmals explizit ein, mit Hilfe von Fuentes gedopt zu haben: „Betrug fängt für mich dann an, wenn ich mir einen Vorteil verschaffe. Dem war nicht so. Ich wollte für Chancengleichheit sorgen.“

Für Schlagzeilen ist er immer noch gut: Am 19. Mai 2014 verursacht Ullrich unter Alkoholeinfluss einen schweren Verkehrsunfall mit zwei Verletzten, der polizeilich durchgeführte Atemtest ergibt einen Wert von 1,4 Promille.

Am 21. April 2017 schafft es der gefallene Fanliebling noch einmal in die Schlagzeilen, die Bild verkündet um 23.08 Uhr, dass Ullrich vom Bodensee nach Mallorca umziehen werde, seine Villa steht zum Verkauf: „Traumhafter Seeblick, zehn Zimmer, ein Pool – und das für schlappe 3 Millionen Euro!“



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