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Wenn Ratschläge sprachlos machen

Ungefragte Tipps

Mein Kind liebt Äpfel. Das kann Ihnen egal sein, dient aber dem besseren Verständnis dieses Textes. Außerdem: Es ist normalgewichtig, hat keine Karies und ist von Kopf bis Fuß, Gott sei Dank, gesund und, wie ich finde, ein echt feiner Mensch. Nur so als Hintergrund-Info. Seit jedenfalls „Apfel“ für mich zum Reizwort geworden ist, bin ich auf der Suche nach der Formel für akzeptable Ratschläge. Gut gemeinte und gänzlich nutzlose, überflüssige und daher nervtötende, vor allem die Kategorie „Ungefragte Tipps und Anmerkungen“ hat es in sich.

veröffentlicht am 19.01.2019 um 08:31 Uhr

Illustration: cn
Birte Hansen

Autor

Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite

Wer im Internet unterwegs ist, kennt das Phänomen: Niemand stellt dort ungestraft eine Frage. Stets mischen sich unter die Antwortenden jene, die das Zeug haben zu einer Chuck-Norris-Witzvorlage. Was wissen sie? Alles! Wie wissen sie’s? Besser! Wann? Immer. Oder statt eine Antwort zu erhalten, muss der um Hilfe Bittende erst einmal drei Gegenfragen richtig beantworten, um sich als Empfänger einer ernst gemeinten Antwort zu legitimieren. Und garantiert mischen sich an irgendeiner Stelle jene ein, deren Tipps völlig unbrauchbar sind. Im Internet rege ich mich nur noch jedes zweite Mal darüber auf, aber im echten Leben kann mich ein Kommentar kalt erwischen und an die Grenzen der Nächstenliebe bringen. Ein Beispiel aus früheren Jahren:

Das Baby schreit, weil es Hunger hat. Ich, längst auf dem Weg zum Auto (weil ich es auch gehört habe), um es dort zu stillen, da taucht eine alte Frau auf, als hätte sie jemand gerufen. Hatte aber keiner. „Es hat Hunger! Nächstes Mal besser auf die Zeit achten!“ Ein Kommentar so nützlich wie ein Pickel. Oder diese Begebenheit, vor einigen Tagen:

Der Einkauf mit Kind läuft erstaunlich rund. Sogar in der wenig artgerecht gestalteten Kassenzone herrscht Eintracht. Ich bin tiefenentspannt, und mein Kind ist weit entfernt davon, den Begriff Quengelzone zum Programm zu machen, bis … „Mama, ich hab‘ gar keine Kaugummis mehr.“ Los geht’s.

„Möchtest du neue?“ „Ja, gerne.“ Der Blick wandert. Da, die Kaugummis liegen auf fremdem Terrain, an der benachbarten Kassenzone. „Welche möchtest du denn?“ „Darf ich Hubbabubba?“ „Ja, darfst du – pink oder die roten?“ „Die Pinken.“ Läuft das hier heute alles friedlich. Ich strahle innerlich und genieße den Moment – wer Kinder hat, weiß, wie schnell solche Situationen außer Kontrolle geraten können. Wer keine hat, weiß das auch. Spielt sich ja alles im selben Bereich ab: schreiendes Kind auf dem Boden, tretendes, fluchendes, denken Sie sich was aus. In solchen Momenten bringen sich gerne Wildfremde ein, auf der ersten Eskalationsstufe mit Blicken, danach mit Ein-Wort-Sätzen oder schlimmer. Mir kann das an dem Tag nicht passieren – liebliches Kind, Kaugummis gönnende Mutter, Harmonie pur. Klatsch!

Die Realität schlägt heimtückisch zu, wo sie nicht zu vermuten war.

„Entschuldigen Sie, darf ich mal ganz kurz an die Kaugummis?“, bitte ich die Kundin am anderen Band freundlich, um mich auf Zehenspitzen an ihr vorbeizustrecken und „die Pinken“ zu angeln. „...Apfel ist besser“, höre ich sie sagen. Ich weiche zurück, gucke sie an, gucke die Kaugummis an, lächle sie an, denke irgendwo zwischen all den anderen Gedanken, „wie nett von ihr, mir eine Empfehlung zu geben“, hake – Gott, wie naiv! – nach: „Aber die Sorte gibt’s hier doch gar nicht, oder?“ Schnitt. In meinem Kopf, rückblickend, steht in diesem Moment alles still. Die Szene friert ein, keiner bewegt sich, alles Piepen, Knistern, Sprechen verstummt. Und, Zeitlupe, ihr Gesicht im Vollformat, sie antwortet: „Ich meine einen richtigen Apfel! Das ist besser.“

Meine einen richtigen Apfel, richtigen Apfel, richtigen Apfel, besser, richtigen, besser, hallt es in mir nach. „Äh, vielen Dank für den Hinweis!“, kann ich gerade noch hervorbringen, der Rest ersäuft in Perplexität. Schlagfertigkeit wäre schön. Meinetwegen auch verbale. Sprachlos bin ich selten – die Kollegen nicken an dieser Stelle wild –, aber das?!

Menschen, die sich einmischen, ungefragt, sind eine echte Toleranzprüfung. Natürlich gibt es Tipps, die hilfreich sind. „Vorsicht, da kommt ein Auto“, zum Beispiel. Oder: „Du hast da Petersilie zwischen den Zähnen.“ So könnte sie lauten, die Formel für Ratschläge aus dem Nichts: Wenn’s Leben oder Würde rettet, gern. Ansonsten: Ich komme klar, danke, und wenn nicht, dann frage ich doch einfach jemanden. Und sollte ich einmal verwirrt in einer Ecke sitzend nicht weiterwissen, ja, auch dann nehme ich gerne ungefragt Hilfe an. Mein Kind – offensichtlich nicht verhungert dank regelmäßiger und rechtzeitiger Fütterungen – schafft’s bisher übrigens auch ganz gut durchs Leben. Als ich mich einige Stunden später vom Eingriff Fremder in meine (ja nun wirklich harmlose) Angelegenheit erholt hatte, habe ich uns erst einmal ein Bier zu den drei Tüten Chips zum Abendessen aufgemacht. Prost, mein Kleiner. Das gibt’s für den Nachwuchs natürlich nur am Wochenende, klar oder?! Und hier die Nummer des Jugendamtes: 123456.



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