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Die Ursprünge der Werdermühle / Pächter ging gegenüber der Stadt Verpflichtungen ein

„Treu, hold und gehorsam“

Nach Anlage der beiden Weserwehre und dem Bau der Weserbrücke bot sich auf dem Werder wegen des unterschiedlich hohen Wasserstandes die Möglichkeit, Mühlen zu installieren. Dazu kam es allerdings erst später. Die frühen Hamelner Mühlen standen wegen der leichter zu beherrschenden Wasserkräfte an der Hamel und nicht an der Weser.

veröffentlicht am 25.01.2016 um 06:00 Uhr

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Autor:

Bernhard Gelderblom

Ein spätmittelalterliches Flugblatt von 1622 zeigt erstmals eine Mühle auf dem Werder. Möglicherweise handelt es sich dabei aber, wie Christian Meyer-Herrmann vermutet, um eine Sägemühle. Die erste Getreidemühle auf dem Werder hat laut Heinrich Spanuth der Hamelner Rat im Jahre 1635 errichten lassen. Sie diente als Ersatz für die Lutteke-Mühle, die an der Hamel gelegen hatte und während des Dreißigjährigen Krieges zerstört worden war. Die neue Mühle lag am Südende des Werders nahe der Brücke und war auch von dort aus zugänglich. Die Sägemühle befand sich weiter nördlich. Beide Mühlen verfügten über ein eigenes, vermutlich künstlich angelegtes Mühlen-Gerinne. Nach mehreren Umbauten besaß die Getreidemühle drei, die Sägemühle zwei Wasserräder.

Wie die übrigen dem Rat gehörenden Mühlen war auch die Werdermühle verpachtet. Der Pachtzins für alle vier städtischen Mühlen betrug jährlich 1240 Reichstaler, eine wichtige Einnahmequelle für die kapitalarme Stadt. Der Pächter hatte Erhaltungsreparaturen zu leisten, auch das „umlaufende Zeug“, also die Mühlsteine, zu erneuern. Und er hatte das Risiko von Betriebsausfällen durch Hoch- oder Niedrigwasser zu tragen. Die durchschnittliche Betriebsfähigkeit der Werdermühle lag bei nur 215 Tagen im Jahr, deutlich unter der der „neuen“ Pfortmühle, die durch die Höhenverstellbarkeit ihrer Wasserräder an 320 Tagen nutzbar war.

Vertraglich hatte der Pächter versichern, gegenüber dem Rat „treu, hold und gehorsam“ zu sein, im Mühlengerinne weder zu fischen noch Reusen zu legen, nur „unbeweibte“ und schreibkundige Knechte zu beschäftigen und von den Bäckern kein Trinkgeld zu fordern. Das Mahlgeld lag über mehrere Jahrhunderte unverändert bei vier Pfennigen für einen Himpten Weizen (etwa 30 Liter) und bei zwei Pfennigen für einen Himpten Roggen. Die Haupteinnahmequelle der Müller bestand allerdings aus der sog. Mahlmetze. In Hameln durften die Müller von dem eingelieferten Getreide den 25. Teil für sich behalten, was ihnen ein vergleichsweise gutes Einkommen sicherte.

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Die Stadt war im Gegenzug für die Erhaltung der Mühlengebäude und des Gerinnes verantwortlich. Die durch den Siebenjährigen Krieg und die Franzosenzeit gebeutelte Stadt vernachlässigte jedoch die Mühlengebäude sträflich, sodass die Müller eine Herabsetzung der Pacht durchsetzen konnten. Die Einführung der Kartoffel und die Reduzierung der Garnison ließen darüber hinaus die Nachfrage nach Mehl sinken. Nach dem Abzug der Franzosen war die finanzielle Lage der Stadt so katastrophal, dass sich Bürgermeister Domeier gezwungen sah, neben der Ratsweinstube und der Apotheke auch die städtischen Mühlen zu verkaufen. Der Zustand der Werdermühle war besonders desolat. Durch die fällige Totalsanierung verschuldete sich der Käufer, der Müller Ernst Wesemann, so erheblich, dass er 1827 Konkurs anmelden musste.

Nach einigen Zwischenbesitzern kaufte Friedrich Seebohm aus Pyrmont 1845 die Mühle. Mit ihm war ein Mann von Energie und besonderen Fachkenntnissen nach Hameln gekommen. Er investierte noch einmal in die Mühle, ersetzte hölzerne Getriebe durch Metallzahnräder und installierte höhenverstellbare Mühlräder. Gleichzeitig kaufte er eigenständig Getreide auf, ließ es auf seine Rechnung vermahlen und verkaufte das Mehl ins Lippische, vor allem aber nach Hannover. So stellte er die bisherige „Lohnmüllerei“ schrittweise auf „Handelsmüllerei“ um.

Seebohms Handelsmüllerei war so erfolgreich, dass er in den 1860er Jahren einen kompletten Neubau planen konnte. Er ließ die alten Fachwerkbauten sukzessive abreißen und errichtete einen massiven Ziegelsteinbau in neogotischen Formen. Am 3. Oktober 1864 feierte man die Einweihung. Die neue Mühle wies zwölf durch drei Wasserräder angetriebene Mahlgänge auf. Auf den Einbau der damals bereits entwickelten Turbinen hatte Seebohm aus finanziellen Gründen verzichten müssen.

Weitere historische Fotos im Internet unter zeitreise.dewezet.de

Die Werdermühle um 1641 im Mittelgrund rechts auf dem Merian-Kupferstich von Hameln

Die alte Werdermühle bildete ein ganzes Konglomerat an Gebäuden. Die beiden am Gerinne liegenden Bauten besaßen je ein unterschlächtiges Wasserrad. Im Hintergrund links zeigt sich die Pfortmühle mit zwei ebenfalls unterschlächtigen Wasserrädern.

Als mögliche zusätzliche Abbildung:

Die Werdermühle von der Stadt aus gesehen (um 1650)

Quelle: Spanuth, Stadtgeschichte, S. 51

Die Werdermühle um 1870 mit Kettenbrücke und Wassereinlauf-Rechen von der Stadt aus gesehen

Quelle: Meyer-Hermann, Wassermühlen, S. 129

Die Werdermühle um 1870 mit Kettenbrücke und Wassereinlauf-Rechen von der Stadt aus gesehen und aus heutiger Perspektive.

Quelle: Meyer-Hermann, Wassermühlen, S. 129, Foto: Wal



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