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Der „Great Smog“ von 1952: In London ereignet sich eine Umweltkatastrophe

Tödlicher Nebel

Fünf Tage hängt der Nebel über der Stadt London, und er ist so dicht, dass ihn über 4000 Menschen das Leben kostet. Weitere 8000 Einwohner der Stadt sterben an den Spätfolgen, nachdem sich der Smog wieder verzogen hatte. Es ist eine der schlimmsten Umweltkatastrophen, die sich in Europa je ereignet haben.

veröffentlicht am 09.12.2017 um 16:06 Uhr
aktualisiert am 11.12.2017 um 12:47 Uhr

Die Briten haben in London immer wieder mit Smog zu kämpfen wie hier im April 2014. Jedoch ist die Skyline anders als im Jahre 1952 wenigstens noch ein wenig zu erkennen. Anfang Dezember 1952 hatte sich aufgrund der ungünstigen Wetterlage der Rauch w
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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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Am Abend des 5. Dezember verdichtet sich plötzlich der Nebel, die Sichtweite fällt auf wenige Meter. Bereits innerhalb weniger Stunden zeigt sich, dass dieser Nebel anders ist als alles, was die Stadt zuvor erlebt hat. Zunächst ärgern sich nur die Autofahrer über die schlechte Sicht. Fahrer orientieren sich nur noch an den Rücklichtern ihrer Vordermänner orientieren – und so kommt es bald zu chaotischen Situationen im Londoner Straßenverkehr.

Doch es ist mehr als nur ein Verkehrsproblem, mit dem London zu kämpfen hat: Ein Hochdruckgebiet über Südengland und die anhaltende Windstille führen dazu, dass eine Schicht warmer Luft über London die kalte Luft in Bodennähe wie ein Deckel versiegelt. Ein Deckel, der die Millionenstadt einschliesst mit dem Rauch, den Rußpartikeln und dem giftigen Schwefeldioxid, das unermüdlich aus den Schornsteinen Londons kriecht. Doch die Londoner bemerken nur eins: Es wird kälter – und so feuern sie ihre Kohleöfen noch stärker an. Dazu kommen Emissionen aus Fabriken und Kraftwerken. Die Schadstoffe können aufgrund der Inversionswetterlage nicht entweichen. Es kommen Faktoren zusammen, die in die Katastrophe führen: Der Verkehr in London hat nach dem Zweiten Weltkrieg stark zugenommen, und weil es aufwärts geht, können sich die Menschen wieder Kohle für ihre Kamine und Öfen leisten. Im Öffentlichen Personennahverkehr sind die elektrisch betriebenen Fahrzeuge der Straßenbahn kurz vorher endgültig durch Omnibusse mit Verbrennungsmotoren ersetzt worden. So nimmt die Luftverschmutzung in London auch durch den Personenverkehr immer schlimmere Ausmaße an.

In der Nacht und in den folgenden Tagen ist es sogar für Fußgänger unmöglich, sich zurechtzufinden. Viele sonst ortskundige Menschen verirren sich. Der Smog wird so dicht, dass die Sicht praktisch auf Null zurückgeht, und wer an sich herabblickt, kann alles, was unterhalb der Taille war, nicht sehen; wer die Arme ausstreckt, verbirgt der Smog die Hände.

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Die Sichtweite beträgt örtlich kaum 30 Zentimeter. Zeitweise kann man den Weg nur finden, indem man sich an Wänden entlang tastet. Der Smog dringt in die Gebäude ein, sodass Kino- und Theatervorführungen abgesagt werden, weil Leinwände oder Bühnen aus dem Zuschauerraum nicht mehr zu sehen sind. Da die Krankenwagen im Nebel nicht mehr fahren, stolpern Hunderte keuchender Menschen zu Fuß durch den Smog zu den Krankenhäusern. Immer mehr Menschen mit schweren Atemwegsproblemen suchen die Notaufnahmen der Kliniken auf, die überlastet sind. Auch hier ist der Smog so dicht, dass man nicht von einer Wand bis zur anderen sehen kann. Der Smog hebt sich erst wieder am 9. Dezember, aufkommender Südwestwind erlöst die Hauptstadt von den Nebelmassen.

Vor allem ältere Menschen sind den Ablagerungen von Rußpartikeln und Schwefeldioxid in ihren Lungen zum Opfer gefallen, aber ihre Angehörigen bringen den Tod der meist chronisch Kranken nicht in Verbindung mit dem Nebel. Erst allmählich zeigt sich das Ausmaß der Katastrophe, die den Namen „Great Smog“ erhällt.

Gerichtsmediziner stellen fest, dass die Sterberate während des Smogs angestiegen war – in dramatischem Ausmaß: 12 000 Menschen fallen dem Todesnebel zum Opfer, um die 100 000 Menschen erleiden Atemwegserkrankungen.

Als Wochen später ein Bericht vorliegt, der detailliert die verheerenden Auswirkungen des Jahrhundert-Smogs darlegte, entgegnet der Kommunalminister und künftige Premierminister Harold Macmillan nur, er sei „nicht überzeugt, dass momentan weitere Gesetze notwendig sind“. Die Regierung streitet jede Verbindung zwischen dem Smog und den Todesfällen ab.

Aber die öffentliche Aufmerksamkeit ist zu groß, und so muss die Regierung dem wachsenden Druck nachgeben. Im Clean Air Act verbietet sie 1956 die Verwendung pechhaltiger Kohle zum Heizen in Privathaushalten. Im zweiten Clean Air Act von 1968 wird das Regularium noch einmal verschärft. Unter anderem werden Richtlinien erlassen, die höhere Schornsteine für Fabriken vorschrieben.

Die Regelwerke zeigen Wirkung: Die Luftqualität Londons verbessert sich deutlich.



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