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1. November 1957: Rosemarie Nitribitt, die berühmteste Prostituierte des Landes, wird tot aufgefunden

Tod einer Hure

Getauft wird sie 1933 auf den Namen Maria Rosalia, sie ist die Älteste von drei Töchtern, die ohne Vater aufwachsen, jedes der Mädchen hat einen anderen Erzeuger. Wegen Verwahrlosung steckt man sie ins Heim, sie kommt zu Pflegeeltern und wird mit elf Jahren von einem 18-Jährigen vergewaltigt. Nur wenige Jahre später hat sie wechselnde Liebhaber. Mit 14 hat sie eine Abtreibung, sie gilt als nicht mehr erziehbar, von Pflegefamilien zu Besserungsanstalten und Heimen wird sie weitergereicht. Aber Rosemarie, wie sie sich nennt, hat einen eisernen Überlebenswillen. Sterben muss sie dennoch: Am 1. November wird Rosemarie Nitribitt im Alter von 24 Jahre 1957 erdrosselt in ihrem Frankfurter Appartement aufgefunden.

veröffentlicht am 29.10.2017 um 09:43 Uhr
aktualisiert am 29.10.2017 um 18:50 Uhr

Rosemarie Nitribitt auf einer Aufnahme im Jahr 1957. Foto: dpa
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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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Sie ist nicht nur eine Prostituierte, nein, sie ist d i e Prostituierte der Stadt, und nicht nur in der boulevardesken Abendschau-Nachtausgabe, sondern auch in der seriös-konservativen FAZ kann der Leser den Namen der Ermordeten der Überschrift entnehmen: Tot, die Nitribitt ist tot.

Auch 60 Jahre später ist der Name Nitribitt immer noch ein Quasi-Synonym für „Skandal“.

Früh hat sie entdeckt, dass sie den Männern gefällt und sie Geld verlangen kann, wenn sie gefällig ist. Und sie weiß, was nützlich ist fürs Geschäft. Rosemarie Nitribitt kleidet sich teuer und modisch, aber nicht extravagant, sie fährt das richtige Auto, sie kann sich im ersten Hotel am Platz korrekt bewegen, und das muss sie auch, denn ihr Ziel sind reiche Männer. Sie hat es auf Kundschaft abgesehen, die auf ihren erotischen Abwegen nicht unter Niveau wandeln wollen, daher passt sie sich an: Ihr dritter Wagen ist ein schwarzer Mercedes 190 SL mit roten Ledersitzen, der Wagen wird ihr Markenzeichen. Ein Vergleich: Ein Arbeiter verdient damals knapp über 400 DM im Monat – und eine Edelprostituierte legt 18 000 Mark in bar auf den Tisch des Autohauses; das ist auch eine gesellschaftliche Provokation. Nach Recherchen der Frankfurter Kriminalpolizei erwirtschaftet die Nitribitt in ihrem letzten Lebensjahr ein (unversteuertes) Einkommen von etwa 90 000 Mark.

Wie ein Schleier, der zerreißt, legt der Mord an der Nitribitt die Heuchelei einer Gesellschaft dar, die von sich selbst ein gefälliges Bild hegt und pflegt: Sittsam ist der Mann im Nachkriegs-Deutschland und diszipliniert; gezeichnet wird das Bild der heilen Wirtschaftswunder-Welt. Und es passt so gar nicht in dieses aufgehübschte Bild, als sich zeigt, dass nicht eben wenige Mitglieder der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen oder politischen Elite Zeit und Geld in Damen aus dem horizontalen Gewerbe investierten. Es sind große Namen, gegen die ermittelt wird, Angehörige der Familie Krupp (Harald von Bohlen und Halbach), Harald Quandt, Ernst Wilhelm Sachs sowie sein jüngerer Bruder Gunter Sachs.

Wusste sie zu viel? War sie eine Gefahr? Starb sie deshalb? Denn bei dem Mord handelt es sich nicht um ein Sexualdelikt, Raubmord scheidet ebenfalls aus, weil sich nach der Tat noch allzu viel Geld und teurer Schmuck in der Wohnung findet. Die Hure als gefährliche Mitwisserin von Kundengeheimnissen, die Erpresserin, die geheime Geliebte der Großen und Mächtigen der Republik – der Nitribitt werden nach ihrem Tod viele Rollen angedichtet. Schon ein Jahr später kommt ein Film über sie in die Kinos, Nadja Tiller, mal mit Hut und gepunktetem Kleid, mal im Babydoll, verkörpert sie in „Das Mädchen Rosemarie“. Der Film ist sich sicher: Die Hure weiß zu viel, die Hure muss weg.

Von der Polizei wird die prominente Kundschaft privilegiert behandelt, die Verhöre sind zumeist kurz und oberflächlich, wenn sie überhaupt stattfinden. Für Verschwörungstheoretiker ist es noch heute ein gefundenes Fressen: Systematisch soll der Mord verschleiert werden, aus Angst vor einem größeren gesellschaftspolitischen Skandal.

Die Frankfurter Polizei selbst macht Fehler über Fehler: Die ersten Beamten öffnen, überwältigt vom Gestank, die Fenster und lassen die kalte Novemberluft ein. Danach kann das genaue Todesdatum nicht mehr bestimmt werden und folglich kann auch nicht mehr bestimmt werden, wer zuletzt mit Nitribitt zusammen war. Einige Akten verschwinden spurlos, ein Verdächtiger erleidet – möglicherweise wegen der Ermittlungen gegen ihn – einen tödlichen Herzinfarkt. Ein Hauptverdächtiger wird dennoch ermittelt, es ist ein einfacher Handelsvertreter. Die Staatsanwaltschaft erhebt Mordanklage, das Frankfurter Schwurgericht sprach ihn im Sommer 1960 frei, mangels Beweises. Denn es gibt Zeugenaussagen, wonach Nitribitt nach dem von den Ermittlern vermuteten Todeszeitpunkt noch Besorgungen erledigt habe und auf der Straße gesehen worden sei. Für diesen Zeitraum besitzt der Angeklagte ein Alibi, daher Freispruch. Die Staatsanwaltschaft verzichtet auf eine Revision.

Die Illustrierte „Quick“ bläst noch vor dem Prozess zur großen Mörderjagd: Das Blatt setzt 50 000 Mark Belohnung aus, doch alle Hinweise sind unbrauchbar.

Im Dezember 2007 gibt das Kriminalmuseum Frankfurt nach Zustimmung den bisher zu Lehr- und Lernzwecken aufbewahrten Schädel der Toten frei, der am 10. Februar 2008 in ihrem Grab auf dem Düsseldorfer Nordfriedhof beigesetzt wird; das Mädchen Rosemarie hat die letzte Ruhe gefunden.

In Büchern, Verfilmungen, Hörspielen, Fernsehproduktionen, Kammerspielen und auch in einem Musical lebt sie weiter, des deutschen Wunders liebstes Kind. 2008 zeigt das Deutsche Filmmuseum in Frankfurt am Main die Ausstellung „Alles über Rosemarie“. In der Mainmetropole werden bis heute spezielle Stadtführungen zur Nitribitt angeboten. Das Geschäfts- und Appartementhaus, in dem sie am Ende ihres Lebens wohnt und ermordet wird, ist seit November 2013 unter anderem aus geschichtlichen Gründen Kulturdenkmal. In der Begründung hierzu wird ausdrücklich auf das Verbrechen Bezug genommen und das Gebäude als Nitribitt-Haus bezeichnet. Beruf und Ruhm teilt Rosemarie Nitribitt mit Marie Duplessis, jener Pariser Kurtisane, die in jungen Jahren von der Schwindsucht dahingerafft wird. Und seither ebenfalls weiterlebt, als Kameliendame und Traviata.



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