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Friedhof am Wehl als Kriegsgräberstätte

Täglich Tote zu beklagen

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge gestaltete Anfang der 1960er Jahre die Mittelachse des Friedhofes am Wehl zu einem „Ehrenhain“ um, in dessen Zentrum drei große steinerne Kreuze zur Aufstellung kamen. In diesem Bereich entstanden ausgedehnte Gräberfelder für deutsche Soldaten sowie für Bombenopfer. Damit kamen Pläne zur Ausführung, die erstmals 1940 entworfen worden waren.

veröffentlicht am 05.05.2014 um 06:00 Uhr

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Autor:

Bernhard Gelderblom

Die erste offizielle Erwähnung eines soldatischen „Ehrenfriedhofes“ am Wehl datiert vom April und Juni 1940. Der Überfall auf Polen war erst wenige Monate alt. Die Stadt überlegte, die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, die auf dem Garnisonsfriedhof an der Deisterstraße lagen, auf den Wehl umzubetten, um keine Platzprobleme bei den künftigen „Siegesfeiern“ zu bekommen. Dem Ehrenfriedhof wurde die zentrale Achse des Friedhofes vorbehalten.

Noch schritten Hitlers Soldaten von Sieg zu Sieg, schien der Krieg von Hameln weit entfernt. Drei Jahre später, 1943, hatte sich das geändert. Die Verantwortlichen stellten erste Planungen an, wo die Toten bestattet werden könnten, die der gegenwärtige Krieg forderte. Die Würdigung der Gefallenen der Stadt Hameln sollte nach der siegreichen Beendigung des Krieges in dem geplanten „Ehrenhain“ vorgenommen werden.

Nach den großen Bombenangriffen auf Hannover 1943 wurde das Problem dringlich. Hameln traf Vorsorgemaßnahmen, legte Ausweichquartiere für Ausgebombte an, lagerte zentnerweise Grundnahrungsmittel ein und stellte 134 Särge für Erwachsene und 48 für Kinder bereit. Für den Wehl war ein 324 Grabstellen umfassendes „Bombenopfergräberfeld“ mit „Weihestätte“ vorgesehen.

Ein halbes Jahr später wurde dieses Feld zum ersten Male belegt. Nachdem am 7. Juli 1944 Flugzeuge Bomben auf die Siedlung am Basberg warfen, fand für 19 Tote hier die erste große Trauerfeier statt.

Im Dezember 1944 wurde am Rande des Friedhofes in ganz abseitiger Lage ein weiteres Gräberfeld neu angelegt. Obwohl dort nicht hingerichtet wurde, starben im Verlauf des Krieges zahlreiche Männer im Zuchthaus an schlechter Ernährung, mangelnder Hygiene und überharter Arbeit.

Zur gleichen Zeit kamen auch Männer, Frauen und Kinder aus der Gruppe der ausländischen Zwangsarbeiter ums Leben. 10 000 waren hierher und in die Umgebung Hamelns vor allem aus Polen und der Sowjetunion verschleppt worden, viele auch aus den Niederlanden und Frankreich. Wo sollte man diese Menschen bestatten?

Durch Erlass war angeordnet worden, „Ostarbeiter“ und Polen „genügend getrennt“ von Deutschen zu bestatten. Damit kamen die Friedhöfe, auf denen Deutsche lagen, nicht in Frage. Nach längerem Überlegen verfiel man in Hameln auf die Idee, Zwangsarbeiter und gefallene alliierte Soldaten auf dem sogenannten „Russenfriedhof“ zu bestatten. Dieser war im Ersten Weltkrieg errichtet worden und mit über 700 Bestattungen russischer und serbischer Soldaten voll belegt. Noch heute sieht nur, wer genau schaut, dass auf diesem Feld nicht allein Soldaten liegen, sondern auch Zivilisten, Männer, Frauen und Kinder.

Gegen Kriegsende machte der Tod in Hameln überreiche Ernte. Zwangsarbeiter, die an Mangelkrankheiten starben und den Bombenangriffen ungeschützt ausgesetzt waren, wurden auf dem „Russenfriedhof“ zuletzt in Massengräbern beigesetzt. Als seit Ende 1944 im Zuchthaus täglich Tote zu beklagen waren, bestattete man die „Zuchthäusler“ ohne Sarg und jeweils zwei Leichname übereinander.

Auch auf der pathetisch so genannten „Bombenopferweihestätte“ fanden Bestattungen statt. Der furchtbare Angriff auf den Bahnhof vom 14. März 1945 forderte fast 200 Tote. Die bereitgestellten Särge reichen nicht aus. Sieben Tage später, am 20. März, fand die „ergreifende Trauerfeier“ (Dewezet) auf dem Wehl statt. Solange brauchte man, die Vielzahl der Leichname wenigstens teilweise zu identifizieren.

Nach dem Krieg gedachte man bald der Opfer. Am 23. Juli 1947 war ein „Ehrenbegräbnisplatz für Gefallene“ in der zentralen Achse des Friedhofes im Entstehen. Die Gestaltung führte die Planungen von 1940 zu Ende. Hier lagen die Bombenopfer, soweit sie Deutsche waren. Hier entstand durch Umbettungen ein Feld für deutsche Soldaten, die bei den letzten Kämpfen um Hameln und die sogenannte „Weserlinie“ gefallen waren.

Während der Opfer der Deutschen mit einem zentralen „Ehrenbegräbnisplatz“ gedacht wurde, lagen die ausländischen Opfer und die im Zuchthaus Gestorbenen ganz an den Rändern des Friedhofs.

Weitere historische Fotos unter zeitreise.dewezet.de

Die zentrale Achse mit Blick auf die drei Kreuze heute (links). Kleines Foto: Erdarbeiten zur Anlage der großen Mittelachse des Friedhofs am Wehl im Jahre 1934.

Gelderblom/ Stadtarchiv



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