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Ein Epitaph in der St. Nikolaikirche gibt Zeugnis von alten Hochzeitsbräuchen

Strohkranz für „befleckte“ Bräute

Rinteln (lsb). Ein weißes langes Kleid, den passenden Schleier dazu und einen bunten Brautstrauß in den Händen – fertig ist die Vorstellung einer Braut von heute. Dieses Klischee von Braut ist in den Köpfen vieler Menschen fest verankert. Doch noch vor einigen Jahrzehnten herrschten noch ganz andere Sitten.

veröffentlicht am 21.05.2011 um 00:00 Uhr

Was kaum einer weiß: In der St. Nikolaikirche etwa ist eine ganz andere Darstellung einer Braut zu finden, berichtet Volkskundlerin und Stadtführerin Helge Heinke-Nülle. „Wenn man die Kirche betritt, ist auf dem Epitaph an der linken Wand eine Braut aus dem Jahr 1620 zu sehen.“ Zur Erklärung: Epitaphien sind Denkmale, die in Kirchen angebracht sind und an einen oder mehrere Verstorbene erinnern sollen. Wem das Epitaph gilt, geht aus den über den Kopf gezeichneten Kreuzen hervor. Typisch für Epitaphien sind außerdem die aufwendige künstlerische Gestaltung. Sie befinden sich zudem nie am Bestattungsort.

Dass es sich bei der Abbildung auf dem Epitaph in der St. Nikolaikirche um eine Braut handelt, sei daran zu erkennen, dass die Frau eine Krone trägt und dunkel gekleidet ist. „Doch dunkle Kleidung ist, anders als andere glauben, in der Spätrenaissance keineswegs Standard gewesen. Charakteristisch für diese Zeit sind eigentlich farbenprächtige Gewänder“, sagt Heinke-Nülle.

Die dunkle Kleidung ist noch bis in das frühe 20. Jahrhundert üblich gewesen. Damals trug man zur Hochzeit seinen sogenannten Sonntagsstaat, sprich: die besten Kleider, die man besaß. Und diese konnten durchaus schwarz sein. „Ein weißes Brautkleid konnten sich früher oftmals nur die Reichen leisten“, erklärt die Volkskundlerin.

Die Krone, die die Braut auf dem Epitaph trägt, gehörte wie heute der Brautschleier, zu jedem Brautoutfit dazu. „Allerdings nur, wenn sie jungfräulich in die Ehe ging“, so Heinke-Nülle. Konnte sich eine Braut in der früheren Zeit keine Krone leisten, konnte sie sich meistens eine von der Frau des Pfarrers leihen.

Frauen, die jedoch „befleckt“ in die Ehe gingen, trugen anstelle einer Krone einen Strohkranz. Selbst vor dem Zweiten Weltkrieg sei dies noch auf Dörfern üblich gewesen. Ältere Damen, die die Geschichte über die Braut auf dem Epitaph bei der Stadtführung hören, können sich laut Heinke-Nülle noch gut daran erinnern. Das offene Haar der abgebildeten Braut sei ebenfalls auffällig. Sobald eine Frau damals verheiratet war, durfte sie nur noch mit den Haaren unter einer Haube in die Öffentlichkeit. Daher auch das Sprichwort: „Unter die Haube kommen“. Kein Spruch sei ohne frühere Bedeutung, wie Heinke-Nülle meint. Das weiße Kleid bei einer Hochzeit, das in unserer heutigen Gesellschaft Normalität geworden ist, etablierte sich später durch den Adel: Maria de Medici, Tochter des Großherzogs der Toskana, Francesco I de Medici und Erzherzogin Johanna von Österreich, vermählte sich im Jahre 1600 mit Heinrich IV. Dabei trug sie als eine der Ersten ein helles Kleid aus Seide – bestickt mit goldenen Ornamenten. Gemunkelt wird, dass dieses Brautkleid den Wechsel des höfischen Modegeschmacks beeinflusste. Denn fortan kam es des Öfteren vor, dass der Adel in hellen Farben wie weiß oder cremefarben heiratete. Diese Farbe stellte nunmehr die „Unschuld“, die Jungfräulichkeit der Frau, dar; die Krone wurde nicht mehr benötigt.

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