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Warum manche Formulierungen ganz schwer zu ertragen sind

Sprachlich gut aufgestellt

Manche Formulierungen gehen nicht. Gar nicht. Einfach nicht auszuhalten. Geradezu körperlich unerträglich. Gut, vermutlich bin ich da etwas überempfindlich. Hat vielleicht mit meinem Beruf zu tun. Beispiele? Wirklich ungern, aber – bitteschön:

veröffentlicht am 23.06.2018 um 08:23 Uhr

Illustration: cn
Frank Henke

Autor

Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite

Im Grunde müssen es ja nicht mal Wörter sein. Schon ein kleines Satzzeichen kann nerven. Mich zumindest. Das Semikolon – was für ein Unsinn! Punkt oder Komma – entscheidet euch! Ein Mittelding wie das Semikolon braucht kein Mensch. Ende der Debatte.

Im Grunde müssen wir auch über andere alltägliche Fürchterlichkeiten gar nicht lange reden: Wem eine schöne, lebendige Sprache am Herzen liegt, der sollte wohl lieber nicht davon reden „am Ende des Tages“ „gut aufgestellt“ zu sein. „Gut aufgestellt“ sind Fußballmannschaften – oder gegen Mexiko halt nicht. Und „am Ende des Tages“ ist Abend. „Wie geil ist das denn?“ war übrigens schon immer eine blöde Frage. Die Antwort lautet: Wenn du dir da schon nicht ganz sicher bist, so geil wohl nicht.

Zudem: Sollte es ein Fußballreporter noch einmal wagen, in sinnlosem Englisch-Deutsch zu verkünden, es seien noch soundsoviele Minuten „zu gehen“, dann ist es für mich wohl tatsächlich „Zeit zu gehen“. In irgendeinen Raum ohne Fernseher.

Andere Fälle sind komplizierter. Zum Beispiel der mit dem „gesunden Menschenverstand“. Die drei Bestandteile dieser Wendung sind noch ganz wunderbar: „gesund“ klingt nach Grapefruit zum Frühstück, „Menschen“ nach den glücklichen Hipstern in der Apple-Werbung und „Verstand“ nach Brillanz, nach Immanuel Kant – oder wenigstens nach Marietta Slomka. Doch alle drei zusammen – fürchterlich.

Vor einer Weile erinnerte mich ein Leserbriefschreiber daran, warum sich das für mich so anfühlt. Dabei hatte er sich so explizit auf den „gesunden Menschenverstand“ gar nicht berufen. Er hatte lediglich gegen ein öffentliches Projekt gewettert und deshalb schließlich gefordert, wer die gegenteilige Meinung vertrete, der solle gefälligst, „zum Amtsarzt“ gehen. Die Adresse lieferte der Verfasser gleich mit.

„Asyltourismus“ aus dem Mund eines deutschen Ministerpräsidenten? Donnerwetter

Wir lehnten diesen Leserbrief, da beleidigend, ab. Mich erinnerte er jedoch an mein schon älteres Problem mit dem „gesunden Menschenverstand“. Denn meint nun jemand, über eben jenen in großem Gebinde zu verfügen (ja, das tun viele), und trifft trotzdem noch auf Widerspruch – was ist dann zu tun mit den lästigen Kontrahenten? Argumentieren und überzeugen scheint doch kaum noch angebracht. Schließlich geht es um eine Frage von „gesund“ und also auch „krank“. Da man auch Windpocken- und Grippeviren bekanntlich nicht wegdiskutieren kann, bleibt nur der Gang zum Arzt. Da war der Leserbriefschreiber nur konsequent. Der Doktor treibt all die ungesunden Ideen dann schon aus.

Doch in der hitzigen Social-Media-Welt ist ein Kleinkrieg gegen einzelne Wendungen – zumal aus ästhetischen Gründen – natürlich Luxus.

Denn der Ton ist rau. Die Meinung ist schneller rausgetippt als zu Ende gebildet. Und wer gar keinen eigenen Gedanken hat, nur so ein Gefühl (Wut im Regelfall), nimmt die Phrase, die herumliegt. „Armes Deutschland!“ ging beispielsweise über Jahre sehr gut oder auch eine kleine lokalpolitische Schwester wie „Typisch Hameln!“.

In Trumps Amerika, schrieb gerade die „New York Times“, würde die öffentliche Debatte „wütend und böse“, beginnend an der Spitze des Staates. Klar, das weiß jeder, der schon mal einen flüchtigen Blick auf Trumps Twitter-Account geworfen hat. Hier hetzt der Chef selbst – in seiner auch ästhetisch unglaublich abstoßenden Sprache. Aber natürlich bemüht sich die deutsche Politik bereits aufzuholen: „Asyltourismus“ aus dem Mund eines Ministerpräsidenten? Donnerwetter. Doch warten wir’s ab: Der bayerische Wahlkampf ist noch jung, die Zynismusskala vermutlich nach oben offen.

Aber warum, fragen Sie, eigentlich über Worte streiten? Na, weil es sein muss! Unbedingt sogar! Denken ohne Worte geht nicht, Worte ohne Denken auch nicht. Wer mit einem Wort mal eben eine Flucht in Schlauchboot oder Lastwagen – aus welchen Motiven auch immer angetreten – mit der Malle-Pauschalreise gleichsetzt, muss sich dafür rechtfertigen. Wer zum Beispiel von – autsch! – „Humankapital“ spricht, eigentlich auch. Und das Semikolon? Nun, das schenk ich Ihnen – am Ende des Tages.



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