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Bundesweit seltener „Vielflächner“ kommt in Schaumburg gleich mehrfach vor

Sonnenuhr geht 24 Minuten nach

Rinteln (lsb). Ein Blick auf das Handgelenk genügt meistens schon, um zu erfahren, welche Uhrzeit gerade ist. Wer keine Armbanduhr trägt, schaut aufs Handy. Eine andere Möglichkeit: Die Zeit am Sonnenstand ablesen. Klingt altmodisch, ist es auch, war aber vor einigen Jahrhunderten noch Standard. Hilfreich war dabei eine Sonnenuhr – wie es sie auch im Rintelner Prinzenhof gibt. Was jedoch nur wenige wissen: Die Rintelner Sonnenuhr zeigt nicht dieselbe Uhrzeit an, wie etwa die der Tagesschau. Die Rintelner Sonnenuhr zeigt lediglich die Ortszeit Rintelns an. Denn bevor die mitteleuropäische Zeit eingeführt wurde, hatte jeder Ort, jede Stadt seine eigene Uhrzeit.

veröffentlicht am 14.05.2011 um 00:00 Uhr

Die Rintelner Sonnenuhr ist ein sogenannter Vielflächner, an dessen Seiten insgesamt elf vollständige Zeitskalen zu finden sind. Anders als bei anderen Sonnenuhren erfolgt der Schattenwurf nicht über einen Stab, sondern über die Kanten der verschiedenen geometrischen Formen. Auch das beliebte Motiv einer zwölfstrahligen Windrose ist auf der Sonnenuhr auf der Nordfläche zu finden.

„Der Grund, warum es die Ortszeit dahingerafft hat, lag im Aufkommen des reichsweiten Eisenbahnverkehrs Mitte des 19. Jahrhunderts“, erzählt Stadtrundführerin und Volkskundlerin Helge Heinke-Nülle. Die verschiedenen Ortszeiten erschwerten das Erstellen von Zugfahrplänen, also wurde die Zeit vereinheitlicht. Am 1. April 1893 wurde somit die mitteleuropäische Zeit (MEZ), auch mitteleuropäische Eisenbahnzeit genannt, im Deutschen Reich eingeführt.

Die Eisenbahnen in Nordamerika führten 1883 zu von den Eisenbahnverwaltungen verwendeten Zeitzonen. Diese unterschieden sich durch Stundenschritte, was einer Längendifferenz von 15 Grad entspricht und gründeten auf dem Meridian von Greenwich. Daraufhin wurden wie in Nordamerika Zeitzonen überall auf der Erde eingerichtet, deren Bezugsmeridian sich – vom Greenwich-Meridian ausgehend – in Schritten von 15 Grad Differenz ändert.

Die Orientierung am 15. Längengrad östlich von Greenwich in Großbritannien gilt auch für Deutschland als Bezugsmeridian. „Nur entlang dieses Meridians, der Deutschland heute nur noch bei Görlitz berührt, steht die Sonne um 12 Uhr mitteleuropäischer Zeit im Zenit. Rinteln liegt dagegen sechs Längengrade, also 24 Minuten weiter westlich, sodass bei uns die Sonne erst um 12.24 Uhr im Zenit steht. Die Sommerzeit verschiebt dies noch einmal um eine ganze Stunde auf 13.24 Uhr“, sagt Heinke-Nülle. Uhren wie die im Prinzenhof sind von der Bauart in deutschlandweit zwar selten, in Schaumburg jedoch mehrfach vertreten: „Zwei baugleiche, wenn auch etwas einfacher angelegte Vielflächner aus derselben Zeit finden sich in den Parks in Bückeburg und Bad Eilsen. Auf dem Gelände des Münchhausenhofes in Apelern stehen zwei ähnliche Exemplare, die auf die Jahre 1756 und 1799 datierbar sind“, so Heinke-Nülle.

Das lege nahe, dass alle fünf Uhren aus derselben Werkstatt stammen – vermutlich aus der Werkstatt der Obernkirchener Steinhauerfamilie Stelling.

Dennoch: Geringere Abweichungen seien trotzdem möglich, wie Heinke-Nülle meint: „Die elliptische Kreisbahn der Erde um die Sonne bringt im Jahresverlauf Differenzen von bis zu 15 Minuten mit sich. Beim Ablesen braucht es also eine gewisse Gelassenheit, was die Präzision des alten Chronografen angeht. Vielleicht ist dies zugleich auch ein Wink aus einer Vergangenheit, als Zeit nicht in erster Linie Geld war, sondern als ein Geschenk Gottes wahrgenommen wurde.“

Sie kennen auch kleine Rätsel Schaumburgs? Schreiben Sie uns: sz-redaktion@schaumburger-zeitung.de oder rufen Sie uns an unter (0 57 51) 4000-526.

Die Rintelner Sonnenuhr im Prinzenhof.

Foto: tol



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