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Wie aus schmalen Gängen zwischen alten Häusern ein Sprichwort geworden ist

So kommt der Regen in die Traufe

Rinteln (cok). Oft sieht man Kinder und Erwachsene neugierig durch die Ritzen der hohen, schmalen Holztüren lugen, diese meistens abgeschlossenen Türen, mit denen geheimnisvolle Gänge zwischen alten Fachwerkhäusern in Rinteln und anderen Städtchen des Landkreises versperrt sind. Was verbirgt sich in diesen Gängen? Führen sie überhaupt irgendwo hin? Durch die meisten könnte man sich bestenfalls durchquetschen, und auch für das Abstellen von Mülltonnen sind sie fast immer zu eng.

veröffentlicht am 05.11.2011 um 00:00 Uhr

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„Heute haben diese Gänge keinen wirklich Zweck mehr“, so weiß es Rintelns Stadtführerin Karin Gerhardt. „Doch früher trug ihre Existenz dazu bei, dass es zumindest in unserer Stadt keine wirklich schlimme Feuersbrunst gab.“ Damals, im 15. und 16. Jahrhundert, als viele der Stadthäuser entstanden, konnte man noch keine Brandschutzmauern bauen. Die Fachwerkhäuser besaßen Strohdächer, das Gefache war mit Lehm und Stroh verfüllt. Hätte man direkt Haus an Haus gestellt, dann wäre die ganze Stadt durch ein einziges Feuer in Schutt und Asche gelegt worden. So aber bestand die Chance, dass ein Brand nicht sofort auf das nächste Haus übergriff.

„Das ist aber längst nicht alles“, so Karin Gerhardt. „Die Gänge wurden genutzt, um dort Löscheimer aus Leder und dazu Brandhaken zu deponieren. In jedem der vier Rintelner Stadtteile sorgte ein ,Feuerherr‘ dafür, dass sich niemand dieser Bürgerpflicht entzog.“ Die Eimer wurden im Fall des Falles mit Wasser aus den Hausbrunnen gefüllt, um die Wände der angrenzenden Häuser zu nässen. Ebenso wichtig aber waren die Brandhaken, mit denen die Nachbarshäuser kurzerhand abgerissen wurden, um dem Feuer die Nahrung zu entziehen. „Und wehe, der ,Feuerherr‘ entdeckte bei seinen Inspektionen, dass die Gänge mit Müll verstopft waren. Dann gab es Ärger, weswegen die Leute oft diese Holztüren zur Absperrung anbrachten.“

Noch einen weiteren Grund gab es für die Existenz dieser Mini-Gassen: In sie hinab lief das Regenwasser von Dächern ab, damals, als man die Regenrinne noch nicht erfunden hatte. Man nannte sie „Traufengassen“, und wer etwa so dumm war, sich zum Schutz vor Regen unter die überhängenden Dächer in einer Gasse stellen zu wollen, der kam sprichwörtlich „vom Regen in die Traufe“. Oder, wie es ein weiteres Sprichwort formuliert: „Wer dem Regen will entlaufen, kömmt des öftern in die Traufen.“

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Längst sind Brandmauern zwischen Stadthäusern eine Selbstverständlichkeit und auch Regenrinnen an den Dächern, die das ablaufende Wasser kanalisieren. Außerdem wurde schon zu Zeiten der „Feuerherren“ dafür gesorgt, dass Hausbesitzer mit sehr preisgünstigen Ziegeln aus der Tonkuhle an der Schlingwiese versorgt wurden, damit sie Strohdächer und Stroh-Lehm-Gefache durch Ziegeldach und -gemäuer ersetzen würden. Die „Traufengassen“ aber bestehen weiterhin, und selbst, wenn man weiß, welchem Zweck sie dienten: Es macht trotzdem Spaß, einen Blick in die Gänge zu erhaschen. Man weiß ja nie...



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