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Nix als Gemecker

Sind Journalisten Miesepeter?

Die von der Dewezet, „die schreiben doch immer nur Meckerartikel“, schlug es einer Mitarbeiterin kürzlich bei einer Straßenumfrage entgegen. Nun sind wir vielleicht berufsbedingt nicht die Allerdünnhäutigsten, aber nachdenklich macht uns so etwas dann schon. Sind wir zu negativ?

veröffentlicht am 12.01.2019 um 07:49 Uhr

Illustration: cn
Frank Henke

Autor

Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite

Klar, Journalisten sind gerne „kritische Journalisten“. Das ist so ein unschlagbares Wortduo wie „engagierter Lehrer“ oder „leidenschaftlicher Koch“ – wer sich in dem jeweiligen Berufsfeld herumtreibt, der ist das halt gern. Und „kritisch“, das heißt bei Journalisten eben: auch über das reden, was nicht rund läuft.

So sind wir dann oft auf der Suche nach kleinen Mängeln, finsteren Schattenseiten, Abgründen aller Art. Und nur ganz vielleicht drohen wir auf dieser Suche ab und zu den Blick zu verlieren für das Gute auf der Welt – im Großen wie im Kleinen.

Im vergangenen Monat haben wir uns mal selbst eine kleine sportliche Aufgabe gestellt: jeden Tag so eine richtig gute Nachricht. Zwar nicht riesig, aber immerhin auf der Titelseite. „Frohe Botschaft“ hieß das Ganze, weil’s gut in die Vorweihnachtszeit passte. Ein Adventskalender der positiven Entwicklungen, Hoffnung machenden Statistiken, erfreulichen Phänomene. Gelernt haben wir dabei vor allem: Positive Nachrichten sind gar nicht so leicht zu finden. Oft erkennt man sie erst, wenn man mehrere Schritte zurücktritt, das ganze Bild in den Blick nimmt. Nicht nur die letzten paar Monate, sondern Jahre, Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte. Dann fällt mitunter auf, was für Glückspilze wir doch sind. Wie gesund, wohlgenährt, friedlich und gebildet wir so vor uns hinleben. Und das alles natürlich zudem viel länger als noch unsere Vorfahren vor 50 und natürlich erst recht vor Hunderten von Jahren. Eigentlich alles also gar nicht so übel heutzutage.

Doch leider ist es kein so Leichtes, damit täglich eine Spalte auf der Titelseite zu füllen – von einer kompletten Zeitung ganz zu schweigen. Das Positive ist ein schüchternes Wesen. Gerne versteckt es sich hinter Barrikaden von Negativformulierungen: „Der weltweite Kampf gegen Hunger kommt zu langsam voran“, er kommt weltweit voran, das schon – aber eben nicht schnell genug. Die niedersächsische Wirtschaft wächst (juhu!) – aber nun ebenfalls „langsamer“ (och!), so stand es in dieser Woche auf der Titelseite dieser Zeitung. Und das fiese Ozonloch wird kleiner, schon. Aber: Wir blasen zwar nicht mehr löcherfressendes FCKW, als Ersatz nun aber Treibhausgase in die Luft. Blöd. So viel „zu“, so viel „aber“. So ist die Welt wohl. Dummerweise. Und so sehen dummerweise dann auch die Zeitungsseiten der Welt aus.

Thema erledigt? Nicht ganz. Denn ich würde so weit gehen, zu behaupten, dass es der Leser im Allgemeinen ein bisschen auch so will: Der Artikel über den Doppelmord im vierten Stock wird online immer mehr Klicks einsammeln als eine Nachricht wie „Weniger Straftaten in Deutschland“. Texte über korrupte Beamte finden mehr Leser als die über vorbildliche. Die Milliardenkredite für Griechenland brachten Deutsche einst an den Rand des Nervenzusammenbruchs, die inzwischen eingenommenen Zins-Milliarden für eben jene Kredite werden eher beiläufig zur Kenntnis genommen.

Offenbar bekommen wir ganz gerne bestätigt, dass „alles immer schlimmer“ wird. Warum? Wer weiß: Vielleicht ist der Mensch so konzipiert. Vielleicht haben sich die Misstrauischen mit ihrer Fixierung auf Katastrophen evolutionär einfach besser durchgesetzt – damals auf der Mammutjagd („Hast du das aus dem Nachbartal gehört? Da wurden schon wieder drei Jäger zertrampelt – also ich mach’ nur noch Home-Office ...“).

Oder erinnern Sie sich an „Matrix“, den Science-Fiction-Film aus den 90ern? Menschen werden dort von Maschinen als Energiequelle angezapft. Währenddessen gaukeln ihnen Computer ein komplettes Leben vor. Aber dieses Leben ist erstaunlicherweise genau wie das unsere: oft ganz prima, aber auch recht mühsam, manchmal frustrierend, unter Umständen richtig mies – unperfekt halt. Die beiläufige Begründung der fiesen Maschinen: Menschen wollen das nicht anders. Als sie ihnen eine paradiesisch-sorgenfreie Version ihres Daseins ins Hirn projizierten, seien diese vor Langeweile eingegangen.

Ich befürchte, einer rosarot-positiven Tageszeitung würde es ganz ähnlich ergehen. Und ich finde sogar: zu Recht. Kritik, schlechte Nachrichten, manchmal sogar „Meckerartikel“ müssen sein. Und trotzdem sollten wir daran denken, uns über Positives freuen und seine Verursacher mit journalistischen Konfettiparaden feiern.

Apropos feiern: Zu unserer Adventsreihe mit den „frohen Botschaften“ erreichten mich genau zwei Leserreaktionen: Die eine war Lob, die andere Kritik. C’est la vie.



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