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Ernährung der Gefangenen früher katastrophal / Der alte Stockhof, Teil II

Sie lebten von Brot und Branntwein

Ernährung und Kleidung der Karrengefangenen kann man nur als katastrophal bezeichnen. Die Gefangenen erhielten täglich 1½ Pfund „Commisbrod“ sowie monatlich 24 Mariengroschen, von denen sie sich selbst verpflegen mussten. Vor dem Stockhof hatte sich ein kleiner Markt gebildet, auf dem Händler häufig ganz minderwertige Nahrungsmittel anboten. Die Häftlinge kochten selbst und die Zustände in den Sälen waren chaotisch. Zeiten der Teuerung trafen die Häftlinge ungeschützt. Sie ernährten sich dann weitgehend nur von Brot und Branntwein.

veröffentlicht am 22.04.2013 um 06:00 Uhr

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Für ihre Kleidung mussten die Gefangenen selbst sorgen. Nur die armen und lebenslangen Gefangenen wurden „von Zeit zu Zeit, dafern sie keine eigene Mittel haben, mit notdürftiger Kleydung versehen“.

Angesichts der katastrophalen Hygiene waren spezifische Krankheitsbilder wie das sogenannte Kerker- oder „Faulfieber“ verbreitet. Eine Krankenstube suchte man im alten Stockhof vergebens. Unmittelbar nach der Einnahme Hamelns durch die französischen Truppen am 9. Juni 1803 verlangte der neue Stadtkommandant von der Stadt Vorschläge zur Besserung der Lage der Gefangenen. Aufgeschreckt hatte ihn die Nachricht, dass die Karrengefangenen zu Hameln („jene Unglücklichen“) „bey 25 Mann in enge Löcher eingesperret und schon Faulfieber unter ihnen eingerissen“ sei.

Weil viele Häftlinge zu lebenslanger Karrenstrafe verurteilt waren, waren unter den Gefangenen zahlreiche ältere Männer; Sterbefälle waren häufig. Teuerungen und Hungersnöte, aber auch politische Wirren schlugen unmittelbar auf das Befinden der Häftlinge durch. In den Hungerjahren 1823/1824 starben 80 Häftlinge. Die Leichen gestorbener Häftlinge wurden bis in die 1920er Jahre zur Anatomie nach Göttingen geschafft. Nur in den heißen Sommermonaten fiel der makabre Transport aus erklärlichen Gründen aus und man liest in den Sterberegistern den Vermerk „bleibt hier“. Die Aussicht, zerschnitten und in ungeweihter Erde bestattet zu werden, war für viele Häftlinge schrecklich.

Ein Feldwebel versah mit einem Kommando Soldaten die Bewachung der Gefangenen und führte die Oberaufsicht. Die „Gewaltiger“ trieben die an die Karren geketteten Sträflinge mit Peitschenhieben zu den Schanzarbeiten. Sie waren die eigentlichen Herren im Stockhof. Die „Stockknechte“, die Gehilfen der Gewaltiger, hatten das Recht, unbotmäßige Gefangene auf der Stelle mit drei bis zwölf Peitschenhieben zu züchtigen. Als Hilfsaufseher dienten die „Reserven“, angeworbene Tagelöhner. Sie wurden so kärglich besoldet, dass sie meist zerlumpter aussahen als die Gefangenen.

Der Geheime Justizrat Hoppenstedt urteilte in seinem Bericht aus dem Jahre 1919 über die Reserven:

„Nicht nur besteht die Reserve-Mannschaft zum Theil aus schwachen, abgelebten, völlig stumpfen Leuten ..., sondern das ganze Ansehen vieler derselben bestätigt ..., daß viele von ihnen dem Trunk ergeben, durch den Müßiggang ... in völligen moralischen und physischen Verfall gerathen sind, und daß sie nicht nur ihre Aufsicht höchst nachlässig führen, sondern nicht selten ihre Untergebenen zum Unrechten verleiten und von ihnen Brodt und Brandtwein erpressen.“

Erst 1820 wurden unter dem Einfluss des Oberkommissärs, Bürgermeisters und Stockhausdirektors Domeier die Verhältnisse im Stockhaus ein wenig verbessert. So wurden die Pritschen umgebaut, sodass sie tagsüber aufgeklappt werden und als Sitzbänke dienen konnten. Überflüssige Kleidung und alle privaten Gegenstände wurden eingesammelt und bis zur Entlassung eines Häftlings zentral aufbewahrt. Jeder Sträfling erhielt ein Kästchen zur Unterbringung persönlicher Dinge.

Domeier setzte auch die ersten hygienischen Verbesserungen durch. So suchte man die Luft mit dem Abbrennen von Räucherwerk zu verbessern. Die Räume wurden täglich während der Essenszeit gelüftet und gereinigt. Ein Drittel der Belegschaft, etwa 100 Mann, wurde täglich auf die um die Stadt laufende Promenade geführt, sodass jeder Gefangene jeden dritten Tag eine Stunde Spaziergang hatte. Daneben erhielten die Sträflinge gesündere Nahrung und mussten sich nicht mehr selbst verpflegen.

1827, als der Bau des neuen Stockhofes abgeschlossen war, bezogen die Gefangenen neue große und luftige Räume. Das alte Stockhaus wurde 1832 an den Fabrikanten Georg Wessel verkauft, der darin eine Walkemühle errichtete. Nachdem der Bau zuletzt als Zollgebäude für den Hafen gedient hatte, wurde er in den 1880er Jahren abgerissen.

Weitere historische Fotos unter www.zeitreise.dewezet.de

Das Foto zeigt das Gebäude des alten Stockhofes kurz vor seinem Abriss in den 1880er Jahren. Wie der Kranbalken im Obergeschoss zeigt, wurde das Gebäude inzwischen als Lager genutzt. An der aus großen Sandsteinquadern errichteten Kaimauer liegt eine Schute. Auf dem Stapelplatz des Hafens warten Leiterwagen auf Fracht. Links erhebt sich das 1882 errichtete Hotel „Bremer Schlüssel“ (Quelle: Privatbesitz). Foto rechts: Neben dem alten Stockhof ist - seit 1972 - auch der Bremer Schlüssel verschwunden. Nur noch die alte Kaimauer erinnert an den ältesten Hamelner Hafen. Gelderblom



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