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Von großen und kleinen Entscheidungen

Sie haben die Wahl

So viele neue Gesichter an den Straßenrändern. Das kann nur eins bedeuten: Wahlkampfzeit. Und nein, das schreibe ich jetzt nicht. Lese ich ja nach Möglichkeit auch nicht. All diese gutmeinend-betulichen Aufrufe, doch bitte wählen zu gehen. Gerade dann, wenn es um Kommunalpolitik oder nun – am 26. Mai – das Europaparlament geht, tatsächlich also am Ende wieder kaum jemand sein Kreuzchen macht.

veröffentlicht am 19.04.2019 um 08:00 Uhr

Illustration: cn
Frank Henke

Autor

Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite

Vielleicht nur so viel dazu: Nichtwähler sind liederliche, tumbe und zudem gänzlich unattraktive Menschen. Dazu gibt es sicherlich irgendwo eine Studie. Sie haben – ist dort ganz bestimmt zu lesen – keine Chance auf eine zweite Runde bei „Germany’s Next Topmodel“, scheitern bei Günther Jauch schon an den Scherzfragen und würden sogar noch vom freundlichen Herrn Lichter bei „Bares für Rares“ gnadenlos über den Tisch gezogen. Seien Sie kein Nichtwähler. So, das muss reichen.

Doch so einen richtig überzeugten Nichtwähler, den kann es ja ohnehin gar nicht geben. Schließlich prägt unser Leben nichts so sehr wie Wahlen.

Eine Kurzbiografie in Wahlentscheidungen: Rosa oder blau? Evangelisch oder katholisch? Lego oder Playmobil? Fußball oder Handball? „Die drei ???“ oder TKKG? Adidas oder Puma? Gitarre oder Klavier? Snickers oder Twix? Schalke oder Dortmund? Hip-Hop oder Metal? Studium oder Ausbildung? Sonja oder Sandra? Kaufen oder mieten? Audi oder Opel? Samsung oder Apple? Bier oder Wein? Balearen oder Bangkok? Tasse oder Kännchen? Urne oder Sarg?

Aus all diesen kleinen und großen Entscheidungen entsteht ein Profil, ein Persönlichkeitsbild, ein Leben. Ein konsequenter Nichtwähler bliebe in seinem Kinderzimmer sitzen – verloren zwischen Lego- und Playmobil-Kiste.

Das Schönste bei fast allen Entscheidungen: Ein Wahlgeheimnis gibt es nicht. Früher mal wurden Bekenntnisse als Autoaufkleber oder auch mal Jeansjacken-Aufnäher durch die Gegend getragen. Im Internet wurde Bekenntnisdrang zum Geschäftsmodell. Wer nicht einen Weg (Achtung!) wählt, der in großem Bogen an allem Social-Media-Kokolores vorbeiführt, weiß schnell weit mehr über die großen und kleinen Entscheidungen entfernter Bekannter, als ihm lieb sein kann. „Hört gerade: Rea Garvey“, leuchtet dort auf. Das tut mir dann ein bisschen leid. Oder: „Isst gerade hier: Currywurst-Palast“. Auch nicht schön. „Ist jetzt in einer Beziehung mit: Hasimausi29“ Na, Gott sei dank. Aber offenbar sollen wir das wissen. Ich und alle anderen.

Versteckt sich hier vielleicht der Schlüssel, auch politische Wahlen in Gang zu bringen? Passt das Wahlgeheimnis einfach nicht mehr in unser narzisstisches Zeitalter? Machen Wahlen erst Spaß, wenn sie öffentlich sind? Wenn ich sie auf Facebook, Instagram oder Twitter (auch dies: Ihre Wahl) verbreiten kann? Wer es lieber analog möchte, kann ja zumindest der Nachbarschaft seinen Stimmzettel unter die Nase halten und nachdrücklich um Beifall bitten. Online ginge das natürlich eleganter. All die raffiniert inszenierten sexy Wahlkabinen-Selfies. Oder es zählte direkt ein Klick als Stimmabgabe. So ließe sich dann auch gleich die gesamte Freundesliste politisch verorten: „49 deiner Freunde gefällt diese Partei“. So transparent, so social, so heutig.

Ach, das möchten Sie gar nicht? Sie hatten sich das mit der Demokratie alles ganz anders vorgestellt? Nun, ich denke: Sie haben die Wahl. Wie so oft.



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