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Plädoyer für den Hintergrund – oder warum das Bad kein Ort der Selbstdarstellung sein sollte

Selfies zwischen Klorolle und Heidegger

Der Narzissmus war noch nie so groß wie in unserer Zeit. Was nicht so sehr an einer Veränderung menschlichen Verhaltens liegt, als vielmehr an den technischen Möglichkeiten. Klar, Römer, Griechen und Ägypter haben sich auch schon ordentlich gepimpt – idealisierende Erhöhung war auch in der Antike kein Fremdwort –, aber beim Teutatis, so eine 7-Megapixel-Frontkamera, ist eben etwas anderes, als ein Keil aus Speckstein oder Henna auf Lehmwänden.

veröffentlicht am 16.03.2019 um 09:14 Uhr

Illustration: cn
Tomas Krause

Autor

Tomas Krause Onlineredakteur zur Autorenseite

Es braucht auch keinen Künstler mehr. Das Smartphone ist der demokratische Gleichmacher der Kunst, der Sensoren-Picasso, der Objekt und Subjekt vereint. Jeder ist heute mehr oder minder Künstler – meist Letzteres.

Schöne, meist junge Menschen posieren vor der Kamera – ziehen Schnute (hello Duckface – Eingeweihte wissen Bescheid), montieren sich Hundeohren und überdimensionierte Dackelzungen ins Gesicht und erzählen die „Story of their Lives“. „Hallo Welt, da bin ich – und ich habe Dir etwas zu erzählen.“ So gut, so langweilig. Schönheit in Zeiten ihrer technischen Reproduzierbarkeit.

Das Selfie ist zur selbstreferenziellen Bestätigung geworden, zur Ultima Ratio des „In-die-Welt-geworfen-seins“ (bitte bei Heidegger nachlesen) und „Fun-Habens“ (habe ich mir selber ausgedacht). Ich finde mich schön! Findest Du mich auch schön? Äh, ja, nein, vielleicht. Neuestes IT-Piece: Ein heller Spot auf der Nasenspitze für den richtigen Cam-Glam – was bei ungünstiger Handhabung so aussieht, als wäre der ambitionierte Pinselschwinger der frisch gestrichenen Wand etwas zu nah gekommen (so letzte Woche auf dem Markt gesehen).

So viel zur moralischen Keule oder besser zur ästhetischen Lage der Nation, was dieser Text eigentlich gar nicht will, sich aber so ergeben hat, weil es gut klingt.

Was dieser Text sein will – ein Plädoyer für den Hintergrund. Für Motivtapeten, für farbige Wände, für Landschaften und meinetwegen auch Holzvertäfelungen – aber ganz bestimmt gegen Badezimmer.

Jahrhundertelang haben sich Künstler und später auch die Fotografen Gedanken gemacht um Arrangements, um Goldene Schnitte, Farbkompositionen, Vielschichtigkeiten und das Setting als elementaren Bestandteil des Werks.

Das alles hat das Selfie in den „Bello“ gejagt (um Sylvia Wollny an dieser Stelle zitieren zu dürfen: Deutsch – Wollny = Klo). Is‘ mir schon klar, warum. Im Bad hängt meist der größte Spiegel im Haus. Um sich selbst in toto fotografieren zu können, braucht man einen großen Spiegel: Ergo – das Selfie entsteht im Bad.

Aber nun stelle man sich mal diesen größtmöglichen Gegensatz vor. Millionen schöner Mädchen und Jungen üben sich auf Instagram in ihrer schönsten Pose, inszenieren sich im individuellsten Hobo-Look und neben, auf und unter ihnen hängen Klorollen, zerknüllte Handtücher, stehen Katzenklos, Duschgels und Mülleimer, gesprenkelte Badenwannenränder und angeblitzte Duschkabinen, die den anstehenden Kalk-TÜV nicht überstehen würden – also der ganz normale Mist, der im Bad halt so ist. Das macht mich fertig. Da geh‘ ich kaputt.

Und weil ich das nicht will, richte ich diese verzweifelte Bitte an die Welt. Kümmert euch um die Hintergründe. Ihr rettet mich und ganz bestimmt auch eure Follower.

Ich hänge mir jetzt einen Picasso ins Bad. Denn ich hab‘ Bock auf Selfie.



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