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Aber gerne doch: Eine Kolumne voller Schönheit

„Schreiben Sie was Schönes!“

Da war sie wieder die freundlich-hoffnungsvolle Aufforderung: „Schreiben Sie was Schönes!“, sagte die Ratsvorsitzende. Das hören Journalisten oft. Und machen es selten. Kein Wunder, schließlich ist immer irgendetwas gerade unschön: Die Wirtschaft lahmt oder der einzige brauchbare Stürmer des Lieblingsvereins. Die Pollen fliegen. Oder es regnet. Das Geld ist knapp. Oder es ist einfach noch lange nicht Samstag. Heute aber ist Samstag. Und darum lassen wir es krachen. Sie wollen es schön? Bitteschön: Schnallen Sie sich an, wir schlagen Purzelbäume auf der Blümchenwiese der Glückseligkeit!

veröffentlicht am 25.07.2020 um 12:00 Uhr
aktualisiert am 25.07.2020 um 13:10 Uhr

Frank Henke

Autor

Reporter zur Autorenseite

Gehen wir gleich in die Vollen: Tierbabys! Kleine schneeweiße Kätzchen, vielleicht sechs Wochen alt, rekeln sich im Gras unserer imaginierten Blumenwiese. Das Fell flauschig-weich, die Augen so groß wie von einem japanischen Comiczeichner in die Gesichtchen gepinselt. So niedlich, wie sie mit ihren Pfötchen Zitronenfalter und Biene hinterhertatzen. Wie sie sich balgen und tummeln zwischen Klatschmohn und Kamille. Schön, oder? Blöd nur, dass ich mit Katzen eigentlich nicht viel anfangen kann. Mit kleinen Hunden funktioniert das Bild natürlich im Grunde genauso gut. Obwohl: Was machen die Welpen eigentlich so allein auf einer Wiese? Und ist nicht gerade Leinenpflicht? Oha, schon komme ich ab vom Pfad der Schönheit.

Schnell das Bild gewechselt: Mögen Sie lieber Sonnenauf- oder Sonnenuntergänge? Ich glaube, Sonnenaufgänge sind eigentlich schöner. Allerdings wurde ihnen in den Augen der meisten potenziellen Zuschauer eine ganz miese Sendezeit zugewiesen. Deshalb finden sich nun auf jeder Festplatte der Welt mindestens ein Dutzend Fotos des Motivs „Sonne versinkt“. Im Meer, falls eins verfügbar war. Sonst auch über Bergen, Getreidefeldern und Atomkraftwerken. In der psychologischen Traumdeutung, so habe ich aufgeschnappt, steht ein geträumter Sonnenuntergang übrigens für den Übergang von Euphorie und Glück zum Normalen. Das ist wohl nicht mal negativ gemeint, klingt aber so schön nicht. Und Sie wissen vermutlich längst, dass schlechte Luft besonders schöne Sonnenuntergänge macht? Je mehr größere Teilchen, zum Beispiel Ruß, in der Luft hängen, desto roter. Schon wieder also: Unschönes im Schönen. Hinfort damit!

„Hinfort damit“ ist auch das Motto dieser amerikanischen Renoviersendungen, die auf dem Kabelsender HGTV (Home & Garden TV) in Endlosschleife laufen. Dort geht es per se um die Erschaffung des Schönen, ach was: den Sieg des Schönen über all das gestrige Hässliche. Am Anfang steht eine Ruine mit Termiten in der Wand und kriminologisch interessanten Flecken auf der Auslegeware. Innerhalb einer guten Viertelstunde Sendezeit wird dann aber alles endlich: schön. Wunderschön. So schön, dass die stilistisch nicht zwangsläufig ins neue Interieur passenden überraschten Bewohner von Raum zu Raum gehen und jeden auf die gleiche Art kommentieren: „Oh my gosh!“ Immer wieder: „Oh my gosh!“ „Oh! My! Gosh!“. Das sagt man nämlich so als gottesfürchtiger Amerikaner. Man könnte in diesen Momenten „Oh my God!“ sagen. Das aber findet Gott unangemessen, meinen sie. Also vernuscheln sie den Namen des Allmächtigen zu einem „gosh“. Das finde nun ich unangemessen. Und nicht schön zu hören. Gar nicht schön. Alles Bemühen ums innenarchitektonisch Schöne ist überlagert. Also genug davon.

Zu Herzen gehende Schönheit findet sich natürlich auch in ganz einfachen Dingen: Der Morgenkaffee im Bett, der Geruch von Regen im Sommer, ein perfekt gezapftes Bier, erfolgreich steif geschlagene Sahne (so, dass man die Schüssel einfach einmal auf den Kopf stellen muss) – diese Liste hat kein Ende. Hat da jemand Bluthochdruck (Kaffee), Überschwemmung (Regen), Leberzirrhose (Bier) und Diabetes (Schlagsahne) gesagt? Nein? Sehr schön.

Und dann sind da natürlich noch all die schönen Momente im Leben. Ich meine jetzt nicht: am Samstagvormittag einen kostenlosen Innenstadtparkplatz finden. Das ist schön, aber eher: Na schön. Mir geht’s um das ganz große Glücksschöne. Also mindestens das Kaliber: Lars Ricken macht für Dortmund den Champions-League-Sieg klar. Ach, legen wir noch zwei Schüppen drauf: Heiraten! Kinder werden geboren! Schön, oder? Paarung und Vermehrung – das zieht immer. Darin ist sich dann nicht nur ein beträchtlicher Teil der Menschheit einig, sondern das Tierreich gleich mit. Also eigentlich auch die Katzenmutti, die sich am Anfang des Textes trotzdem gerade aus dem Staub gemacht hat. Vielleicht genehmigt sie sich eine Schüssel Schlagsahne im Sonnenuntergang. Das findet sie schön.



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