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Lebensfreude und Deutschland – passt das zusammen?

Schön hier !

Machste noch ma‘ zwei“, nickt Uwe mit dieser ihm eigenen, gewissen Selbstverständlichkeit, dass dies doch bitte nicht als Frage verstanden werden möge, sondern eine dringende Bitte ist über den halb vollen, hier und dort verklebten und vor allem ziemlich verrauchten Tresen. Und während das Bier in die Gläser fließt und die Musik aus der Jukebox dröhnt, haut mein Uwe mal wieder völlig unvermittelt einen raus: „Die sind doch alle völlig beknackt, diese Flachzangen …“ Pause. Widerworte? Keine.

veröffentlicht am 12.05.2018 um 10:10 Uhr

Illustration: cn
Thomas Thimm

Autor

Thomas Thimm Stv. Chefredakteur zur Autorenseite

Schließlich gibt es genügend Flachzangen zwischen Himmel und Erde. Deshalb ist es okay, wenn man mal verbal so um sich schlägt. Trifft immer irgendeinen Richtigen. Die Frage ist nur, ob es diejenigen, die tatsächlich gemeint sind, auch mitbekommen. Das ist zumindest fraglich. Wenn nicht vermutlich sogar auszuschließen. Leider.

Nachfrage bei Uwe: „Wen genau meinst Du denn jetzt so …?“ Mit verdrehten Augen, die einem ohne Worte mal so eben nebenbei, aber dennoch ganz schnell verklickern, dass man ja jetzt selbst nicht so wirklich auf der Höhe ist, zeigt diese zottelige Lebensweisheit dem Rest der Welt, wo der Hammer hängt: „Hör‘ ma‘, uns geht dat doch ganz gut, oder? Wir haben meistens nicht allzu viel auszuhalten, wir sind gesund, um nich‘ zu sagen topfit, wir haben zu essen und zu trinken, können auch mal feiern gehen, machen und tun, wat wir wollen, keiner macht uns Vorschriften …“ Mit der Kippe in der einen und dem Bierglas in der anderen Hand lässt Uwe seinen Satz ein bisschen nachhallen, ein wenig auslaufen im stummen Nichts, um dann dazwischenzuschieben: „Hahaha, dat sollte ma‘ einer versuchen bei mir, Vorschriften machen, nich‘ mit Uwe, dat sach ich dir … Vorschriften, ha, vielleicht mein Chef, der sacht mir, tu‘ dies und tu‘ jenes, aber der bezahlt mich ja auch, dann darf der das. Aber sonst? Nee, keiner und niemand.“ „Keiner und niemand meint doch dasselbe“, kontere ich. „Was?“ „Na das.“ „Quatsch.“ „Ist doch egal.“ „Richtig.“

Weiter im Takt, Uwe ist in Fahrt und ich sollte ihn nicht unterbrechen: „Ich hab jetzt keine Yacht und auch keinen Ferrari, aber es geht mir doch ganz gut. Und trotzdem gibt es immer mehr, die alles scheiße finden und immer nur am Rummeckern sind. Wenn se ʼne Arbeit haben, dann meckern se über die, wenn se keine Arbeit haben, dann meckern se darüber. Und über die Politiker und über die Flüchtlinge und über das, was die Syrer und die Afrikaner uns so kosten und über das, was die Deutschen so bekommen und über die Preise, was das Leben so kostet und wenn gar nichts mehr hilft, dann eben über das Wetter. Das ist doch völlig beknackt.“ Recht hat er mal wieder, der Uwe.

Es mag ja in manchen Ecken unserer Gesellschaft en vogue sein, über so ziemlich alles zu meckern und ständig über dieses Land herzuziehen. Aber es darf einem auch ordentlich auf den Geist gehen, dieses Gezeter von all diesen Miesepetern, diesen Wichtigtuern, den Sich-selbst-Überschätzern und vor allem diesen selbstgerechten Hobby-Volkserziehern. Ich sehe viele miese Kommentare in den sozialen Netzwerken über „die Politiker da oben“ und über „die bösen Flüchtlinge“. Ich finde diese Kommentare abstoßend. Ich lese von einem angeblich vorherrschenden Volkszorn. Nein, den spüre ich nicht. Ich registriere, dass es selbst in meinem eigenen Umfeld Menschen gibt, die den Medien vorwerfen, nicht allumfassend, neutral und objektiv zu berichten – sich aber selbst durch rechte oder rechtsradikale Posts disqualifizieren. Das ist nicht meins – und das wird auch nicht meins werden. Uwe und ich wollen nicht, dass irgendwelche Rechtspopulisten immer wieder rausposaunen, sie wollten sich „unser Deutschland zurückholen“. Nee, Leute, das wird nicht klappen. Denn ihr redet auch über mein und unser Deutschland – und das soll bitteschön so bunt bleiben, wie es ist.

„Hier, kannste dich noch erinnern an den alten Trappatoni“, fragt Uwe. „Der sachte doch ,Was erlaube Strunz?‘ So ist das hier auch: Was erlaube die Idioten? Die machen doch mit ihrem blöden rechten Gepolter alles kaputt. Hatten wa‘ ja schon mal. Nee, nee, wollen wa‘ nich‘ wieder.“ Klare Ansage. So soll man es schreiben, so soll es geschehen. „Is‘ doch wahr“, ergänzt Uwe. „Als ich klein war, hat meine Oma mir immer etwas erzählt von dem halb vollen und dem halb leeren Glas. Bei mir ist es immer halb voll, und dat geht mir auch gut dabei. Wie meiner Oma, die war auch so.“

Man darf sich ruhig darauf einlassen, dass Deutschland schön ist, wie es ist. Und das Leben ist es sowieso. Trotz aller Dinge, die vielleicht auch mal schieflaufen. Trotz aller Dinge, die man noch verbessern kann. Bin ja auch kein blinder Fantast. Aber Optimist. Ein Optimist, dem es gut geht. Mit halb vollen Gläsern. Mit polnischen Nachbarn. Mit deutschen, kroatischen, bosnischen, englischen, österreichischen, albanischen, türkischen, afghanischen, syrischen, russischen Freunden. Und dem Wissen, dass Uwe und ich jederzeit sogar aus einem leeren Glas ein volles machen können. Oder sogar zwei. „Machste noch ma‘ zwei“, nicken wir über den hier und dort verklebten, ziemlich verrauchten Tresen.



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